Sieben Minuten nach Mitternacht

 

Sieben Minuten nach Mitternacht -Studioca
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Eine überwältigende Fantasy-Geschichte des Spaniers Juan Antonio Bayona, der auf die Romanvorlage und dem Drehbuch von Patrick Ness zurückgreift. Ein Glücksgriff , düster und sehr bewegend. Der 13jährige Conor O’Malley, ein stiller, kreativer Außenseiter wird bald seine krebskranke Mutter verlieren. Da wird eines Tages eine uralte Eibe lebendig und hilft ihm. Coming-of-Age-Film – ungewöhnlich und unter die Haut gehend

OT: A Monster Calls

Großbritannien/Spanien/USA/Kanada 2016

Regie: Juan Antonio Bayona

Buch: Patrick Ness

Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Toby Kebell, Ben Moor, James Melville, Oliver Steer

Länge: 108 Minuten

Verleih: Studiocanal

Kinostart: 4. Mai 2017

Die nordenglische Landschaft wirkt ruhig und beschaulich, aber ist im Untergrund dagegen alles andere als das. In diesen Gegensatz zwischen Idylle und Urgewalt rutscht der kleine Conor O’Malley (Lewis MacDougall). Er weiß es nur noch nicht. Der 13jährige Schüler ist ein stiller, kreativer Junge, der unter Mobbing seiner Mitschüler leidet, dessen Vater in Kalifornien lebt, und der bald seine Mutter (Felicity Jones), bei der er noch wohnt, verlieren wird. Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt. Conor muss zu seiner strengen Großmutter (Sigourney Weaver) ziehen, nachdem seine Mutter im Krankenhaus liegt.

Plötzlich wird Conors Leben durch ein einschneidendes Erlebnis durcheinander gewirbelt.

Sieben Minuten nach Mitternacht – Studiocanal

Eine uralte Eibe wird lebendig. Jetzt bewegt sich die Geschichte in ein Fantasy-Märchen, das kann gutgehen, oder auch nicht. Hier können wir uns auf ein aufregendes, packendes und unter die Haut gehendes Erlebnis einlassen. Es lohnt sich. Besonders auf einer großen Leinwand.

Alles berstet, kracht und brennt, wenn das Baum-Monster auf Conors Fenster zukommt. Die Originalstimme stammt übrigens von Liam Neeson. Conor fragt ihn, was er eigentlich von ihm wolle. Anders herum, antwortet die Eibe. Der Junge will etwas von ihm. Nämlich drei Geschichten, jeden Tag eine, Geschichten vom Leben und wie man damit zurecht kommt. Die vierte Geschichte muss Conor erzählen – und zwar die Wahrheit.

Lehrreiche Parabeln sind das – Coming-of-Age auf gänzlich andere Art. Conor auf einer großen emotionalen Achterbahn, ständig mit seinen Ängsten und seiner Verzweiflung konfrontiert – aber dem eigenen Selbst immer näher kommend. Die alte Eibe – längst ein vertrauter Freund – gibt ihm den nötigen Halt, um seinen inneren Frieden zu erreichen: Endlich loszulassen oder die Versöhnung mit dem unausweichlichen Tod anzunehmen.

Herzzerreißend und fesselnd wird dies erzählt. Sehenswert.

Heinz-Jürgen Rippert

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Zu guter Letzt

Zu guter Letzt – Tobis Film

Shirley-McLaine-Fans und Verehrer dürften sich freuen. Die große Actrice zieht es wieder einmal auf die Leinwand. Und das dürfte das einzig Positive sein, das „Zu guter Letzt“ zu Gute kommt. Das Muster der Dramaturgie wird schnell deutlich. Es ist wie ein Spaziergang am Meer, die Wassertemperatur ist angenehm, aber es ist sehr flach. Tiefgang ist bedauerlicherweise weit und breit nicht vorhanden. Mark Pellingtons („Arlington Road“) neues Werk tut zumindest niemandem weh. Nette Unterhaltung für die derzeitigen kühlen Abende

OT: The last word

USA 2017

Regie: Mark Pellington

Buch: Stuart Ross Fink

Darsteller: Shirley McLaine, Amanda Seyfried, Anne Heche, Thomas Sadoski, Philip Baker Hall, Tom Everett Scott, Ann Jewel Lee Dixon, Joel Murray

Länge: 108 Minuten

Verleih: Tobis Film

Kinostart: 13. April 2017

Von alten Männern, die misanthropisch geworden einsam in ihrer Hütte wohnen, ist schon oft genug erzählt worden. Irgendwann öffnet sich doch sein Herz. Also kein schlechter Mensch. Dieser Fisch ist also längst gelutscht, wie man so schön im Norden sagt.

Eine Frau für solch eine Rolle besetzen, ist demnach keine schlechte Idee. Filme dieser Art sind noch eher eine Rarität. Und Shirley McLaine in der Hauptrolle – da kann eigentlich nichts schiefgehen. So war das Stück geplant.

Zu guter Letzt – Tobis Film

Doch herausgekommen ist außer dem guten Willen – nichts Mitreißendes, keine innere Spannung, Übertreibungen, abseitige Dialoge, nur ab und zu ein Highlight und die Vergeblichkeit von Amanda Seyfried, gegen ihre charismatische Partnerin Boden gut zu machen.

McLaine verkörpert eine ehemalige, erfolgreiche Geschäftsfrau, die eine Werbeagentur betrieb. Jetzt ist Harriet Lauler gealtert, alleine lebend, ein Biest ohnegleichen, das noch zu ihren Lebzeiten ihren Nachruf fertig haben will. Angemessen versteht sich. Einfach der optimale Nachruf. Ihr Problem: Niemand ist bereit, etwas positives beizusteuern. Sogar ihre erwachsene Tochter Elizabeth (Anne Heche) nicht. Keiner, auch der Gärtner nicht. Also engagiert sie die junge Journalistin Anne (Amanda Seyfried) dafür. Die etwas verzagte Nachwuchs-Autorin hat natürlich auch nichts zu lachen.

Jetzt schleicht sich das Wunder ein. Es muss ja irgendwie kommen. Harriet wandelt sich allmählich, sukzessive von der verbalen Giftspritze in eine umgängliche Frau, die sich für ein kleines, afroamerikanisches Mädchen einsetzt und einen Job als DJane für einen kleinen Soulsender annimmt – natürlich ohne Bezahlung. Musikbegeisterte, die ein paar Dollar brauchen, haben das Nachsehen.

Die positiven Wendungen gegen Schluss wirken aufgesetzt und unglaubwürdig. Einzig Fans von analogen Plattenspielern werden ihre Freude haben. Da weiß man, was man hat.

Heinz-Jürgen Rippert

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Gimme Danger

Gimme Danger – Studiocanal

In der internationalen Rock-Szene gibt es nicht mehr viele Musiker, die bis jetzt überlebt haben. Ein gewisser James Osterberg gehört dazu. Der Name wird vielleicht nicht jedem etwas sagen – dagegen der Künstlername Iggy Pop schon etwas mehr. 1967 sorgte das musikalische Enfent Terrible für den grossen Knall – die Geburtsstunde des Punk. Jim Jarmusch, Liebling der Independent-Filmfans, hat diesem, inzwischen 70jährigen Getriebenen, ein filmisches Denkmal gesetzt

USA 2016

Regie: Jim Jarmusch

Mit: James Osterberg alias Iggy Pop, Ron Asheton, Scott Asheton, James Williamson, Steve Mackay, Mike Watt, Kathy Asheton, Danny Fields

Länge: 108 Minuten

Verleih: Studiocanal

Kinostart: 27. April 2017

Die Beiden kennen sich schon lange. Iggy Pop hat bereits zwei Kurzauftritte in Jarmuschs „Coffee and Cigarettes“ und „Dead Man“ absolviert. Nun wird er in dem Doku-Projekt „Gimme Danger“ porträtiert. Das ist als Gespräch mit eingebauten Konzert-, privaten Mitschnitten und Interviews konzipiert.

Gimme Danger – Studiocanal

Iggy Pop kann jovial plaudern, mit seiner recht knarzigen Stimme unterhalten. Langweilig ist das nicht, es wirkt gelassen. Besonders weil er so viele Anekdoten kennt. Der Mann aus Michigan, in einer Wohnwagensiedlung groß geworden, hat schon früh für Unruhe in der Umgebung gesorgt – mit seinem Schlagzeug.

Später orientiert er sich in Chicago an den großen Blues-Virtuosen. Alles für seine musikalische Basis, Neugierde und das entsprechende Feeling sind wichtig gewesen. Aber Neugierde und der Drang, etwas vollkommen neues zu kreieren, führen zu einer Haltung, die noch keiner wahrgenommen hat. Mit seiner neuen Band den „Stooges“ verwirrt und stimuliert er das Publikum.

Gimme Danger – Studiocanal

Der nackte Oberkörper wird zum Markenzeichen des Herrn Osterberg, den kann er winden, biegen, wie eine Schlange. Er hüpft, tanzt ganz wild und stürzt sich von der Bühne in die Menge. Entsprechend wild und laut ist auch die Rockmusik von den Stooges. Diese Art ist als revolutionär zu bezeichnen, für die 60er Jahre jedenfalls. Dazu kommt vermehrt der Drogenkonsum – alles was es so gibt. Das führt zu zeitweiligen Trennungen der Band.

Aber Geld ist für sie gar nicht so wichtig gewesen. Davon erzählt der mittlerweile alte Herr gelassen und entspannt. Manche Alben haben sich auch ganz gut verkauft. Mit seinen Kollegen hat er immer recht gut zusammenarbeiten können. Er mag es, im Team zu arbeiten. Und beeinflusst haben sie schließlich die ganze Punkbewegung.

Ein interessantes, lebendiges Zeitdokument ist Jarmuschs Film geworden. Auf der einen Seite die Hippie-Musik – auf der anderen Seite die harten Gegenschläge der Stooges. Nur vereinnahmen will sich James Osterberg alias Iggy Pop von niemandem. Trotzdem sind sie irgendwie Kommunisten gewesen, betont er, zumindest einige Jahre. Sie hätten immerhin damals alles miteinander geteilt.

Heinz-Jürgen Rippert

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The Founder

The Founder – Splendid Film

John Lee Hancock ist bekannt für seine Aufsteiger-Geschichten im US-Kapitalismus. In seinem neuen Werk erzählt er vom rasanten Erfolg des Hamburger-Grillers McDonald’s in den 50er-Jahren. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Kehrseite des sogenannten amerikanischen Traums nicht außer acht gelassen wird und dies mit einer satten Portion Sarkasmus. Der rastlose Handlungsreisende Ray Kroc mit dem unstillbaren Hunger nach Geld und Erfolg wird von Michael Keaton verkörpert

USA 2016

Regie: John Lee Hancock

Buch: Robert D. Siegel

Darsteller: Michael Keaton, Laura Dern, John Carroll Lynch, Nick Offerman, Patrick Wilson, Linda Cardellini, B. J. Novak, Katie Kneeland, Andrew Benator

Länge: 115 Minuten

Verleih: Splendid Film

Kinostart: 20. April 2017

Der passende Film zum Amtsantritt von Donald Trump. Dafür musste Harvey Weinstein die US-Premiere gleich viermal verschieben.

The Founder – Splendid Film

Es geht schließlich um einen ökonomischen Leuchtturm des American Way of Life, um den Hamburger-Griller McDonald’s. In der Tat heißen die Hamburger-System-Erfinder Dick und Mac McDonald, die im kalifornischen San Bernadino ein hocheffizientes Bratsystem entwickelt haben. Zwei Tüftler, die ein beinahe industrielles Zubereitungsverfahren auf wenige Quadratmetern konzentrieren. Deshalb kann der Kunde in kürzester Zeit seinen eingepackten Hamburger mitsamt Pommes Frites und Softdrinks genießen. Die Qualität muss dabei immer gewährleistet sein. Der Begriff Fast Food ist geboren. Und die Kunden sind begeistert, haben sie doch bis dahin Barbeque oder andere Spezialitäten nur mit langen Wartezeiten konsumieren können. Hier dauert das 30 Sekunden pro Kunde.

Wir befinden uns mit den fünfziger Jahren in der Hochphase des Nachkriegskapitalismus. Die steigende Gier nach mehr Geld, Erfolg und Konsum treibt Menschen um. Einer dieser Umtriebigen ist der Milchshake-Mixer-Vertreter Ray Kroc. Einer der ständig grinst, was auf Dauer nervt. Aber einer, der trotz seiner Rührigkeit keinen Erfolg mit den Mixern hat.

The Founder – Splendid Film

Plötzlich wird er hellwach, eine Bestellung von gleich mehreren Geräten erreicht ihn aus Kalifornien. Nichts wie hin, denkt Ray Kroc und staunt nicht schlecht über den Andrang am Schnellimbiss der McDonalds Brüder. Fiebrigkeit überall, bei den Machern und den Konsumenten. Und ausgeklügelte Effizienz. Da fehlt noch etwas Wichtiges – der perfekt gemanagte Vertrieb. Kroc hat schon eine Idee: Franchise. Damit kann man national wie international expandieren. Nur gehen Dick und Mac McDonald Risiken lieber aus dem Weg, zu bodenständig sind sie und zu bedächtig. Das lässt Ray Kroc die Franchising-Rechte an sich zu reißen und für sich zu sichern. Endlich steht der ganz große Coup vor der Tür, dem er sein Leben hinterher gerannt ist.

Wenn man vielleicht anfangs noch ein wenig Sympathie für den strampelnden Handels-Vertreter übrig hat, so ändert sich das nun mit der Verwandlung in einen skrupellosen, zwielichtigen Scharlatan. Die McDonalds-Brüder steigen ab zur Bedeutungslosigkeit. Wenigstens ihr Name bleibt noch über dem weltumspannenden Fast-Food-Imperium.

Der Gipfel der Großmannssucht ist die Titulierung „The Founder“, den Ray Kroc sich gegeben hat. Gründer ist nicht er, sondern nach wie vor Dick und Mac McDonald. Der Sarkasmus des Films ist eben das Sprachmittel, das den brutalen Wirtschaftsdarwinismus des amerikanischen – expandiere oder verrecke – Systems am besten pointieren kann.

Heinz-Jürgen Rippert

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Ein Dorf sieht schwarz

Ein Dorf sieht schwarz – Prokino

Sympathische Culture-Clash-Komödie aus Nordfrankreich. Ein kleines Dorf sucht in den 70er Jahren verzweifelt einen Arzt. Seyolo Zantoko, ein frischgebackener Arzt aus Zaire, der in Lille studiert hatte, erklärt sich bereit dazu. Wenn die verbohrt-konservativen Einwohner nur nicht wären. Der tägliche Rassismus ist das größte Hindernis für eine breite Akzeptanz. Wie die afrikanische Familie die Alltagstücken allmählich überwinden kann, erzählt der Film auf humorvolle Art, kurzweilig, aber leider immer noch aktuell und auf tatsächlichen Ereignissen beruhend

OT: Bienvenue a Marly-Gomont

Frankreich 2016

Regie: Julien Rambaldi

Buch: Benoît Graffin, Julien Rambaldi

Darsteller: Marc Zinga, Aissa Maiga, Bayron Lebli, Médina Diarra, Rufus, Jonathan Lambert

Länge: 96 Minuten

Verleih: Prokino

Kinostart: 20. April 2017

Seyolo Zantoko hat sein Medizin-Examen bestanden und sucht eine Praxis in Frankreich. Das Angebot, in seiner Heimat Zaire als Leibarzt für Mobutu zu arbeiten, lehnt er entrüstet ab, zu korrupt sei der Präsident und als grausamer Diktator verschrien. Da bekommt er auf der Abschlussfeier an der Uni Lille von einem Dorfbürgermeister die Offerte, als Landarzt im Norden Frankreichs zu arbeiten.

Ein Dorf sieht schwarz – Prokino

Besser als nichts, denkt er und sagt zu. Seiner Familie, die immer noch in Zaire wohnt, erzählt Seyolo, Paris würde gar nicht so weit entfernt sein. Sie sollen ja nachkommen, und seine Frau denkt an ein mondänes Leben in der französischen Hauptstadt.

Das Problem: Die Dorfbewohner haben noch nie einen Schwarzen gesehen. Außerdem gibt es dort mehr Kühe als Menschen. Dem Bürgermeister ist das egal, Hauptsache, er kann seinen Mitbürgern einen leibhaftigen Doktor präsentieren. Natürlich hätte er sonst bei der baldigen Bürgermeisterwahl keine Chance mehr.

Ein Dorf sieht schwarz – Prokino

Ein weiteres Problem: Seyolos Familie erlebt den totalen Culture-Clash. Seine Frau und die beiden Kinder kommen bei strömenden Regen an. Die graue Tristesse schockiert. Und der Eiffelturm ist auch nicht in der Ferne zu sehen. Die ganze Malaise wird schließlich von der Fremdenfeindlichkeit, dem Rassismus getoppt.

Da sind zum einen die Vorurteile, Mißverständnisse, die Intoleranz, Klischees und Intrigen mit denen Regisseur Julien Rambaldi spielt, getreu der Rezepte für abendfüllende Komödien, die in den letzten Jahren auch hierzulande Kasse gemacht haben. Alles etwas süß angerührt und schließlich sind die sturen und fremdenfeindlichen Bauern doch auch mit einem gutmütigen Herzen ausgestattet.

Es ist natürlich positiv, auf Humanismus zu pochen und dem eine Chance zu geben. Wenn man die Welt real so inszenieren könnte. Die Handlung dieses Films beruht tatsächlich auf den Erinnerungen von Seyolo Zantokos Sohn Kamini, der sich als Rapper einen Namen gemacht hat.

Aber schaut man heute auf Wahlergebnisse, insbesondere bei den letzten Regionalwahlen in Nordfrankreich, so wird einem bei 40 Prozent für den rechtsextremen Front National doch etwas anders zumute.

Heinz-Jürgen Rippert

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Verleugnung

Verleugnung – SquareOne/Universum

Der britische Journalist David Irving gehört zu den schlimmsten Holocaust-Leugnern, Geschichtsklitterern, Rassisten und Antisemiten. Bei Neonazis im In- und Ausland nach wie vor als Redner und Autor willkommen, „Fake News“ lassen grüßen, versuchte er Ende der 90er Jahre die US-Historikerin Deborah E. Lipstadt in einem Verleumdungsprozess zu diskreditieren. Der Justizfilm von Mick Jackson hält sich überwiegend an den Prozessverlauf und produziert daraus die Spannung. Mit Rachel Weisz, Timothy Spall und Tom Wilkinson erstklassig besetzt

OT: Denial

Großbritannien/USA 2016

Regie: Mick Jackson

Buch: David Hare

Darsteller: Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Länge: 110 Minuten

Verleih: SquareOne/Universum

Kinostart: 13. April 2017

Deborah E. Lipstadt ist Professorin für Jüdische Zeitgeschichte an der Emory University in Atlanta/Georgia und hat in ihrer Veröffentlichung „Denying the Holocaust“ David Irving als authentischen Holocaust-Leugner bezeichnet. 1994, während einer Vorlesung von Lipstadt, die sich mit der Leugnung des Holocaust beschäftigt, hat sie ihre Abneigung gegen jegliche Gespräche mit solchen Leugnern zum Ausdruck gebracht. Da erhob sich ein Mann im Auditorium, hält ein Bündel Geldscheine in der Hand und stellt als David Irving vor. Er würde demjenigen, der Beweise für Vernichtung in Gaskammern liefert, 1000 Dollar überreichen.

Verleugnung – SquareOne/Universum

Die Historikerin lehnt angewidert jegliche verbale Auseinandersetzung ab und bekommt eine dreiste Verleumdungsklage von Irving an den Hals, der Penguin Verlag mit Hauptsitz London gleich mit. Da er die Klage in Großbritannien einreicht, läuft der Prozess nach britischen Verfahrensrecht ab. Deshalb ist Deborah Lipstadt beweispflichtig und nicht umgekehrt, wie es unter anderem in den Vereinigten Staaten üblich ist. Sie muss demnach beweisen, dass Auschwitz und die Shoah Fakten sind. Eine große Demütigung für Lipstadt. Und ein Prozess, der sich über vier Jahre hinzieht – von 1996 bis 2000.

Anmerkung dazu: Das Aufeinandertreffen von Irving und Lipstadt in Atlanta ist aus dramaturgischen Gründen rein fiktiv von Autor David Hare in die Handlung eingebaut worden. Die tatsächliche Klage beruht alleine auf der Veröffentlichung und der darin enthaltenen Einschätzung Irvings durch die Wissenschaftlerin.

Verleugnung – SquareOne/Universum

Der Film dreht sich hauptsächlich um die Gerichtsverhandlung. Ein Justizdrama also, vor allem eines mit einem gänzlich anderen System. Dort arbeiten zwei Anwaltsgruppen getrennt voneinander – die beratenden und die prozessführenden Anwälte. Deborah Lipstadt soll eigentlich gar nicht auftreten, KZ-Überlebende auch nicht. Der leitende prozessführende Anwalt, Richard Rampton (Tom Wilkinson) genießt damals den Ruf des führenden Spezialisten für Verleumdungsklagen. Er sieht sich gezwungen, nachzuweisen, dass tatsächlich Gas in Auschwitz verwendet wurde. Irving (Timothy Spall) tönte immer, „No Holes, no Holocaust“. Er hat übrigens auf einen Anwalt verzichtet und den Prozess verloren.

Die Filmemacher um Mick Jackson haben für die Dialoge akribisch die Prozessakten ausgewertet. Den Spannungsbogen bauten sie dadurch auf. Und sie vertrauten auf das gute Timing der Darsteller. Timothy Spall ist eine gute Wahl für den mit allen Wassern gewaschenen Pseudo-Historiker David Irving, der sich als das eigentliche Opfer stilisiert. Tom Wilkinson hat durch seine besonnene, aber auch derbe Art die notwendigen Impulse als Richard Rampton geben können. Und Rachel Weisz als lebhafte, intellektuelle Deborah E. Lipstadt.

Wenn sie uns doch die Protagonisten vielschichtiger präsentiert hätten. Über sie selbst erfahren wir leider kaum etwas. Dennoch wird uns klar, was passiert wäre, wenn Lipstadt verloren hätte. Da ist das Urteil, besonders in Zeiten der Faktenverdreher, und -leugner, sehr bedeutsam. Historische Wahrheiten kann man nicht unter den Teppich kehren. Sie wirken wie ein Spiegel, in dem man sich immer wieder sieht.

Heinz-Jürgen Rippert

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Una und Ray

Una und Ray – Weltkino

Ein Mädchen, 13 Jahre alt, und eine junge Frau, 15 Jahre später. Ein und dieselbe Person. Und ein Mann, über 20 Jahre älter. Sie sehen sich eines Tages wieder und nichts ist wie es vorher war. Es beginnt ein zweifelhafter Versuch, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Geht es um Missbrauch oder nicht? Wann sind die Grenzen der Moral überschritten? Der Zuschauer gerät langsam ins Zweifeln. Ihm wird es auch nicht leicht gemacht, das Drama einzuordnen.

OT: Una

Kanada/Großbritannien/USA 2016

Regie: Benedict Andrews

Buch: David Harrower nach seinem Theaterstück „Blackbird“

Darsteller: Rooney Mara, Ben Mendelsohn, Riz Ahmed, Tara Fitzgerald, Natasha Little, Isobelle Molloy, Clarán McMenamin

Länge: 94 Minuten

Verleih: Weltkino

Kinostart: 30. März 2017

Una, eine junge Frau um die Anfang 30 (Rooney Mara), wohnt immer noch bei ihrer Mutter, hat keine feste Beziehung, geht ab und zu mal tanzen und lebt ihre Sexualität allerhöchstens mal bei einem Quickie auf der Toilette aus. Aber da ist noch etwas, da quält sie noch etwas. Ihre Unruhe treibt sie eines Tages zum Aufbruch, ohne etwas zu sagen oder zu hinterlassen.

Una und Ray – Weltkino

Sie trifft in einer Fabrik überraschend auf einen Mann in den Fünfzigern, der sich heute Peter nennt, eigentlich Ray hieß (Ben Mendelsohn) und als leitender Angestellter tätig ist. Peter ist verunsichert, die Fassade fängt an zu brökeln. Denn vor 15 Jahren sind sie Nachbarn gewesen und in ein Tabu geschlittert, das sich auf das ganze Leben auswirken kann. Ray hat sie verführt, oder ist er verführt worden? Soll man Sex mit Minderjährigen dazu sagen, vielleicht doch eine Liebesbeziehung? Gefühle scheinen durchaus eine Rolle zu spielen, oder doch nicht?

Una und Ray – Weltkino

Zumindest haben sie ihre Träume gehabt, machten sich auf den Weg, eine Flucht ins Nirgendwo. Die für Una zumindest in einem Motel endet. Ray hat sie dort sitzengelassen. Welch ein Leid für ein 13-jähriges Mädchen. Ihre Gefühle konnte sie bis heute nicht ordnen und Ray ist verhaftet worden mit anschließender vierjähriger Gefängnisstrafe.

Dann hat er sich einen anderen Namen gegeben, eine neue berufliche Existenz aufgebaut und geheiratet, ist Vater geworden. Und die Familie weiß nichts von seiner Vergangenheit, die Ray nun wieder einholt. Seine Mitarbeiter in der Fabrik dürfen ebenfalls nichts davon wissen. Die Auseinandersetzung zwischen Una und Ray muss aus diesem Grund jeweils in andere Bereiche der Firma verlegt werden, die wie ein großes Labyrinth anmutet, verwirrend wie die emotionale Situation der Protagonisten. Und als Metapher für Rays Versteck.

Aus dem er nun raus muss, genau wie Una aus der Häuslichkeit ihrer Kindheit in der heimischen Sackgasse, in der sie 30 Jahre wohnte. Beide müssen sich der Vergangenheit stellen. Im Gegensatz zur Theatervorlage, einem reinen Kammerspiel, hat der australische Regisseur Benedict Andrews sein filmisches Psychodrama immer wieder durch kurze Rückblenden erweitert, um den Kern besser herausarbeiten zu können. Ein Vorteil, den er geschickt zu nutzen wußte.

Heinz-Jürgen Rippert

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