Der Himmel wird warten

Der Himmel wird warten – Neue Visionen Filmverleih

Dieser neue Film von Marie-Castille Mention-Schaar („Die Schüler der Madame Anne“) erzählt von zwei Mädchen, deren Persönlichkeit sich allmählich verändert und die in den Sog der Radikalisierung gezogen werden.

Die Strategien der IS-Anwerbung und die Hilflosigkeit der Eltern werden so fassbarer und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ein Gesellschaftsdrama, das informiert und berührt

OT: Le Ciel Attendra

Frankreich: 2016

Regie: Marie-Castille Mention-Schaar

Buch: Emilie Frèche, Marie-Castille Mention Schaar

Darsteller: Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, Clotilde Courau, Zinedine Soualem, Dounia Bouzar

Länge: 90 Minuten

Verleih: Neue Visionen Filmverleih

Kinostart: 23. März 2017

Die Terroranschläge vom 13. November 2015 haben gerade Paris erschüttert, da begannen die Dreharbeiten zu diesem Film. Natürlich war das reiner Zufall. Und trotzdem der passende Zeitpunkt. Wie konnte das passieren, was ist in Menschen vorgegangen, die in die brutale Terror-Maschinerie des IS geraten sind? Das betrifft eben auch Mädchen und junge Frauen.

Der Himmel wird warten – Neue Visionen Filmverleih

Marie-Castille Mention-Schaar hat zwei Fälle fiktiv gestaltet, die sie aus realen Fällen und Biographien extrahierte. Zwei Mädchen aus soliden Haushalten, mit toleranten, liberalen Eltern, intelligent und mit vielseitigen Interessen. Wirklich wohlbehütet, ganz bürgerlich.

Der Himmel wird warten – Neue Visionen Filmverleih

Da ist zum einen Mélanie, 16 Jahre alt, die bei ihrer Mutter lebt und leidenschaftlich gerne Cello spielt. Sie lebt alles andere als isoliert, hat viele Freundinnen und Bekannte und engagiert sich mit Sammlungen und diversen Aktionen für eine bessere Welt. Und nun lernt sie per Internet einen jungen Mann kennen, der sie auf andere Optionen lenkt, mit Nachrichten und einschmeichelnden Botschaften überhäuft. Da stößt er naturgemäß auf Sympathie, Interesse und Neugierde. Dann drängt sich immer mehr die Beschäftigung mit dem Islam in die Kommunikation. Eine äußerst geschickte Strategie. Melanie wird übrigens von Naomi Amarger dargestellt, die bereits in „Die Schüler der Madame Anne“ mitspielte, wie auch Noémie Merlant, die als 17-jährige Sonia bereits ihren Koffer gepackt hat. Sie ist bereit, nach Syrien aufzubrechen – und ihr Leben wegzuwerfen.

Die Polizei hat jedoch Wind davon bekommen und stürmt nachts die Wohnung, um Sonia festzunehmen. Nun lebt sie unter Hausarrest bei ihrer Familie, die mit Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln zu kämpfen hat.

Jetzt kommt die Therapeutin und Pädagogin Dounia Bouzar ins Spiel, die versucht, Eltern und deren Kinder in langen Gesprächen zu helfen. Mit Schuldgefühlen aufzuräumen, die Unterschiede zwischen Dschihadismus und dem Koran herausarbeiten, Trotz, Wut und Ohnmacht zu sortieren sowie Schwierigkeiten beim Ordnen des Wirrwarrs abzubauen. Dounia Bouzar spielt sich übrigens selbst. Die Mediatorin ist ein Profi bei der Unterstützung von Familien, die in diese Zwangslage gekommen sind.

So besitzt der Film einen fast halbdokumentarischen Charakter. Fiktionales ist dadurch nicht aufgebauscht worden. Der Sensibilität bleibt genügend Raum. Eine recht ausgewogene filmische Balance, die durchaus berühren kann.

Heinz-Jürgen Rippert

 

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Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand – Concorde Filmverleih

Wo ein großer Erfolg, kommt prompt eine Fortsetzung. Allan Karlsson ist ein Jahr älter geworden und fühlt sich fit für weitere Abenteuer. Da haben sich die Drehbuchautoren Felix Herngren und Hans Ingemansson ebenfalls ins Zeug gelegt und haben eine Fortsetzung des „Hundertjährigen“ geschrieben. Diesmal hat aber keine literarische Fortsetzung von Jonas Jonasson die Vorlage geliefert. Der Autor weiß wahrscheinlich warum. Und der Zuschauer weiß es schließlich auch – nach seinem Kinobesuch

Schweden 2016

Regie: Felix Herngren, Mans Herngren

Buch: Felix Herngren, Hans Ingemansson

Darsteller: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg, Shima Niavarani, Jens Hultén, Ralph Carlsson, Crystal Deraffe

Länge: 108 Minuten

Verleih: Concorde Filmverleih

Kinostart: 16. März 2017

Die Weltläufigkeit der Drehorte – wir wissen das von den Bond-Filmen – kommt immer gut an. Also haben die Drehbuchautoren die Orte der Handlung vom tropischen Bali, über das kalte Moskau bis hin zum quirligen Berlin gespannt. Allan Karlsson (Robert Gustafsson) hat mit seinen Freunden und seiner alten Freundin Miriam (Shima Niavarani) das Leben auf Bali genossen, sieht aber das Geld schwinden – die Pleite droht. Zu seinem 101. Geburtstag kann er noch die letzte Flasche Volkssoda öffnen, dann ist Ebbe mit der Brause, die damals in der Sowjetunion entwickelt wurde um den Amerikanern mit ihrer Coca-Cola die Stirn zu bieten.

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte … – Concorde

Irgendwo muss noch die Rezeptur sein. Also nichts wie los – Allan vermutet den Zettel bei einer alten Freundin. Vorher müssen aber noch die Luxushotelkosten geprellt werden, bevor es im Bademantel zum Flughafen geht. Das dreiste Kapuziner-Äffchen Erlander darf auch nicht fehlen.

Spätestens hier wird einem klar, wie diffus alles wirkt. Im ersten Film wurde die Erfindung der Brause und der Triumpf mit Leonid Breschnew gefeiert, der begeistert war, es den Amerikanern, speziell Richard Nixon endlich einmal zu zeigen. In Moskau scheiterten dagegen die Versuche, mit einer speziellen, folkloristischen Rockmusik den amerikanischen Musik-Markt zu erobern.

Jetzt werden Rückblenden von diesen Ereignissen eingeschoben – vielleicht das einzig Erfrischende an diesem Film. Natürlich sind die Figuren wieder schräg, Gag folgt auf Gag. Mehr aber auch nicht. Nur mit Blödsinn – auf den Erfolg des ersten Teil abzielend – kann man eben keinen Blumentopf gewinnen.

Also: Ein überflüssiger, langweiliger und banaler Quatsch.

Heinz-Jürgen Rippert

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Mit siebzehn

Mit siebzehn – Kool Filmdistribution

André Téchiné bringt nach zweijähriger Pause einen Film in die Kinos, der von zwei Jugendlichen in den Pyrenäen erzählt, die mit der Adoleszenz, dem Erwachsenwerden ihre Schwierigkeiten haben. Ein Kino der körperlichen Präsenz, ein Verwirrspiel mit Gefühlen, gleichzeitig eine präzise Schilderung mit gekonnt gemachten, bedrängenden Bildern und der typisch französischen Leichtigkeit

OT: Quand on a 17 Ans

Frankreich 2016

Regie: André Téchiné

Buch: Céline Sciamma, André Téchiné

Darsteller: Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein, Corentin Fila, Alexis Loret, Jean Fornerod, Mama Prassinos, Jean Corso

Länge: 116 Minuten

Verleih: Kool Filmdistribution

Kinostart: 16. März 2017

Die Berglandschaft der Pyrenäen teilt: Unten im Tal wohnt Damien (Kacey Mottet Klein) mit seiner Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain), einer Ärztin. Oben auf dem Berg lebt Thomas (Corentin Fila) mit seinen Eltern, einfachen Bergbauern, die den aus dem Maghreb stammenden Jungen adoptiert haben. Thomas möchte gerne einmal Tierarzt werden.

Mit siebzehn – Kool Filmdistribution

Beide Jungs sind 17 Jahre und gehen auf ein Gymnasium. Dort gelten sie als Außenseiter, werden links liegen gelassen, was sich besonders beim Sportunterricht bemerkbar macht. Denn bei der Wahl zu den Teams bleiben sie regelmäßig bis zum Schluss sitzen. Sie haben quasi nur sich selbst, können sich aber nicht ausstehen. Tun sich weh, prügeln sich. Und wissen nicht warum. Die uralte Geschichte der Menschheit bekommt durch diese beiden Jugendlichen wieder mal ein Gesicht. Spannungen und Sehnsüchte. Homosexualität gibt es nicht. An sich ist das nichts Neues. Aber physisch stark wie der Regisseur das zeigt, ist es doch etwas Neues.

Mit siebzehn – Kool Filmdistribution

André Téchiné findet dafür noch einen ganz eigenen Rahmen. Das Auf und Ab, die Stimmungen der Landschaft. Die damit verbundene Isolation, aus der auszubrechen, lange und schwierige Wege zu überwinden sind, besonders bei den Schneeverhältnissen des Winters. Thomas arbeitet gerne mit den Tieren auf dem abgelegenen Bauernhof seiner Adoptiv-Eltern. Damien geht regelmäßig zum Boxtraining. Bemühungen, etwas mehr Selbstvertrauen zu gewinnen – trotz der eigenen Isolation.

Aus der Thomas plötzlich herausgerissen wird, als seine Adoptivmutter schwanger wird, zum ersten Mal. Sie hat eine gute Ärztin gefunden – Damiens Mutter. Die Thomas einlädt, die nächste Zeit bei ihnen im Tal zu wohnen. Da hätte er keine umständlichen Wege mehr, kommt ausgeruht zur Schule, denn seine Versetzung ist gefährdet. Und er könne mit Damien zusammen lernen. Seine zupackende Art mag sie außerdem. Eine mögliche Dreiecksbeziehung kommt dem Zuschauer in den Sinn, weil er nahe an den Spannungen unter den Protagonisten ist und Sympathien nicht eindeutig zuordnen kann. Tatsächlich träumt die Ärztin einmal von Thomas. Ihr Mann ist, wie so oft, als Militärpilot im Auslandseinsatz.

Thomas‘ Adoptiv-Mutter bringt schließlich ihr erstes eigenes Kind zur Welt. Da spuckt der Junge das aus, was ihn wohl jahrelang gequält hat: Endlich hätten sie ein eigenes, ein echtes Kind. Sein Adoptiv-Vater widerspricht: Es gäbe weder echte noch unechte Kinder.

Heinz-Jürgen Rippert

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Der junge Karl Marx

Der junge Karl Marx – Neue Visionen Filmverleih

Über Karl Marx wurde hierzulande eigentlich nie ein abendfüllender Film gemacht. Da musste erst der aus Haiti stammende Regisseur Raoul Peck kommen, um diese wichtige Lücke zu füllen. Er erzählt von dem jungen Karl Marx und Friedrich Engels, ihrer Kooperation bei der Sammlung von Grundlagen des späteren kommunistischen Manifests und ihrer wachsenden Freundschaft. Stilecht und handwerklich solide verfilmt. August Diehl mimt den großen Geist der Gesellschaftskritik im späten 19. Jahrhundert, die jetzt wieder aktuell wird – angesichts der globalen neoliberalen Wirtschaft

OT: Le jeune Karl Marx

Frankreich/Deutschland/Belgien 2016

Regie: Raoul Peck

Buch: Pascal Bonitzer, Raoul Peck

Darsteller: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps, Alexander Scheer, Olivier Gourmet, Michael Brandner, Hannah Steele

Länge: 118 Minuten

Verleih: Neue Visionen Filmverleih

Kinostart: 2. März 2017

Der Krieg Reich gegen Arm hat seine Brutalität im 19. Jahrhundert schon beim täglichen Überlebenskampf in der Natur demonstriert. Raoul Peck zeigt das zu Beginn des Films anhand von armen Bauern, die im Wald herumliegende Äste aufsammeln und dann von berittener Polizei verprügelt werden. Aus dem Off die Stimme August Diehls als Karl Marx mit Text-Auszügen über Ungerechtigkeit, Strafe und Verbrechen.

Der junge Karl Marx – Neue Visionen Filmverleih

England befindet sich in der industriellen Revolution. Friedrich Engels, Sohn eines Baumwollfabrikanten, macht in der väterlichen Fabrik eine Ausbildung und muss dabei erleben, wie rabiat sein Vater gegen aufmüpfige Arbeiterinnen vorgeht. Es ist der Beginn der Arbeiterbewegung auf der Insel. Mit der entlassenen Baumwollspinnerin Mary Burns beginnt Engels eine Liaison, aus der eine lebenslange Partnerschaft – auch im politischen Sinne – entsteht.

Die beiden Jungrebellen treffen in Paris aufeinander. Marx heiratet die Adelige Jenny von Westphalen und hat die französische Hauptstadt als Exil gewählt. Aus Deutschland ist er wegen zensorischer Maßnahmen vertrieben worden. Sie sind noch nicht zu Symbolfiguren aufgestiegen und leben die Existenz von links-intellektuellen Lebenskünstlern mit kühnen Ideen und Plänen. Das sich viel in Bistros abspielt gehört irgendwie dazu. Wein regt bekanntermaßen an.

Karl und Jenny (kongenial dargestellt von Vicky Krieps) harmonieren geistig-politisch und sind auch im übrigen unzertrennlich. Helen Burns (Hannah Steele), irische Partnerin von Engels besticht durch ihren Mut und ihre Sinnlichkeit. Friedrich Engels wird von Stefan Konarske mit einer beachtlichen Vielschichtigkeit gespielt.

Vielschichtig ist auch die sprachliche Ausstattung des Films. Die Originalfassung ist dreisprachig – englisch, deutsch, französisch, je nach Drehort. Für die Authentizität ist diese Entscheidung nur positiv und lässt die überwiegende Beschaulichkeit der Inszenierung nebensächlich erscheinen.

Heinz-Jürgen Rippert

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Hitlers Hollywood

Hitlers Hollywood - farbfilm verleih

Hitlers Hollywood – farbfilm verleih

Der Filmjournalist Rüdiger Suchsland hat einen Dokumentarfilm über die deutsche Film- und Propagandamaschinerie des Nazi-Regimes gemacht. Ein gewagtes Unternehmen, hat Goebbels doch über 1000 Filme produzieren lassen. Was bleibt da für 100 Minuten? Zumindest wichtige, markante Werke aus der Ideenfabrik des Propagandaministers Goebbels werden in kurzen Ausschnitten gezeigt. Die Namen der beliebtesten Schauspieler dürften immer noch bekannt sein: Heinz Rühmann, Hans Albers, Zarah Leander, Marianne Hoppe, Marika Rökk, Gustav Gründgens, Heinrich George, Leni Riefenstahl und Ilse Werner. Ein durchaus kurzweiliger und interessanter Streifzug

OT: Hitlers Hollywood – Das deutsche Zeitalter der Propaganda 1933-1945

Deutschland 2016

Buch + Regie: Rüdiger Suchsland

Länge: 106 Minuten

Verleih: farbfilm verleih

Kinostart: 23. Februar 2017

Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Veit Harlans perfider Hetzfilm „Jud Süß“, ließ Joseph Goebbels die Nazi-Ideologie mit allen Mitteln des Unterhaltungsfilms nur unterschwellig auf Zelluloid transportieren. Die Volksverführer des Propagandaministeriums wussten um die Wirkung des Medium Films, forderten eine moderne Filmästhetik – die bis heute wirkt, auch in Hollywood. Das sahen sie als Hauptkonkurrenten im Kampf um die Vormachtstellung des Kinos.

Hitlers Hollywood - farbfilm verleih

Hitlers Hollywood – farbfilm verleih

Über 1000 Filme wurden zwischen 1933 und 1945 produziert. Geld spielte keine Rolle, so wurden die besten (noch in Deutschland verbliebenen) Schauspieler und Regisseure verpflichtet. Der Kinofilm war die Basis der Propagandamaschinerie – Fernsehen gab es bekannterweise noch nicht. Rüdiger Suchsland zeigt Ausschnitte aus „Hitlerjunge Quex“ mit Heinz Rühmann, der einen zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus stehenden Jungen spielt. „Morgenrot“, einen heroisch militaristischen U-Boot-Film. Hans Albers natürlich, der nach dem Motto „Hoppla, jetzt komm‘ ich“ dem weiblichen Kino-Publikum den Kopf verdreht hat. Zarah Leander mit ihrer erotisch-rauchigen Stimme. Marika Rökk der lebenslustige Tanz- und Revuestar, der auch in reinen Propaganda-Filmen auftrat – aus Überzeugung. Heinrich George, d e r Schauspieler dieser Zeit schlechthin, der sich nicht zu schade war, in dem Durchhaltefilm „Kolberg“, kurz vor Kriegsende, mitzuspielen. Ein Farbfilm übrigens, bei dem die Komparsen echte Soldaten waren, die von der nahen Ostfront abgezogen wurden. Es brauchten nur die Uniformen ausgetauscht zu werden.

Hitlers Hollywood - farbfilm verleih

Hitlers Hollywood – farbfilm verleih

Und Leni Riefenstahl, ehemals Tänzerin und Schauspielerin, die – von Hitlers Gnaden – als Propaganda-Regisseurin eine große Karriere unter den Nazis hinlegte. Ohne Zweifel sehr talentiert, drehte sie den NS-Propagandafilm „Triumpf des Willens“, der in seiner Wirkung bis heute nicht übertroffen wurde. Dann setzte sie ästhetische Maßstäbe im Sportfilm mit dem zweiteiligen Olympia-Film „Fest der Völker/Fest der Schönheit“. Er gilt bis heute als bester Sportfilm. Dass sie ihre Seele an den Teufel verkauft habe, wollte sie bis zu ihrem Tod nicht wahrhaben. Sie klammerte sich ihr ganzes Leben daran, ja nur eine Künstlerin gewesen zu sein.

Hitlers Hollywood - farbfilm verleih

Hitlers Hollywood – farbfilm verleih

Diese und weitere Blicke hinter die Film- und Unterhaltungsmaschinerie des Joseph Goebbels sind zwar vorhanden, dennoch rauscht alles bei Rüdiger Suchslands Dokumentation am Zuschauer vorbei. 1000 Filme in 100 Minuten geht eigentlich gar nicht, auch wenn das Ansinnen vorhanden ist, wenigstens einige bleibende Momente einem nahe zu bringen. Am Schluss weiß der Zuschauer gar nicht, was er alles gesehen hat. Es kommt einem dabei das Marcel-Reich-Ranicki-Zitat in den Sinn: „Und so sehen wir betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Heinz-Jürgen Rippert

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Erzähl es niemandem!

Erzähl es niemandem! - RealFiction Filmverleih

Erzähl es niemandem! – RealFiction Filmverleih

Klaus Martens hat einen Dokumentarfilm über die ungewöhnliche Liebe zwischen einer 19-jährigen Norwegerin und einem deutschen Besatzungs-Soldaten gedreht. Eine Liebesgeschichte, die 1942 in Harstad bei Narvik begann und die ein trauriges Geheimnis barg. 2012 fliegt Lilian Berthung Crott zum Polarkreis, dabei die Urne mit der Asche Helmut Crotts. Sie hat es ihrem Mann versprochen. Ihre Tochter Randi Crott hat ein erfolgreiches Sachbuch über das leidgeprüfte Leben ihrer Eltern geschrieben. Grundlage für die Idee zu diesem Film

Deutschland/Norwegen/Dänemark/Tschechien 2017

Buch + Regie: Klaus Martens

Länge: 90 Minuten

Verleih: RealFiction Filmverleih

Kinostart: 2. Februar 2017

Unzählige Schicksale des 2. Weltkrieges haben seelische Wunden geschlagen, die Jahrzehnte brauchten, um zu heilen – wenn überhaupt. Kaum beachtet und öffentlich verarbeitet dagegen intime Kontakte zwischen den Feinden. Da gab es die Liebschaften zwischen Norwegerinnen und deutschen Besatzungssoldaten – nach Schätzungen etwa 50000 – die einer hasserfüllten Stigmatisierung ausgesetzt waren, sofern sie ans Tageslicht kamen.

Erzähl es niemandem! - RealFiction Filmverleih

Erzähl es niemandem! – RealFiction Filmverleih

1942 lernen sich Lilian Berthung und Helmut Crott aus Wuppertal in Harstad bei Narvik kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Aber die Bekanntschaft müssen sie geheim halten. Denn amouröse Kontakte gelten als Verrat. Die Treffen sind immer von der Angst begleitet, entdeckt zu werden. Als Lilian erfährt, dass eine jüdische Familie aus dem Dorf deportiert worden ist, will sie die Beziehung zu Helmut sofort beenden. Sie stellt ihn zur Rede und erfährt von Helmut, unter der Voraussetzung, dass sie schweigt, das Familiengeheimnis der Familie Crott.

Erzähl es niemandem! - RealFiction Filmverleih

Erzähl es niemandem! – RealFiction Filmverleih

Die Mutter Helmut Crotts ist auch Jüdin und deshalb ist er zur Wehrmacht gegangen, denn seine Uniform schützt die Familie – bis jetzt. Da verspricht Lilian, immer bei ihm zu bleiben. Die Liebe hat den Krieg überdauert.

Lilian folgt ihm nach Deutschland. Der Krieg ist zu Ende, Helmut gerät in amerikanische Gefangenschaft und muss erfahren, dass seine Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden ist. Sie hat den Nazi-Terror überleben können. Nordnorwegen – die Region Finnmark speziell – ist vor der Kapitulation von der Wehrmacht niedergebrannt worden, mitsamt dem ganzen Vieh.

1951 ist dann ihre Tochter Randi in Wuppertal zur Welt gekommen. Sie ist Radio- und Fernseh-Journalistin geworden – und heute mit dem Regisseur dieses Films, Klaus Martens, verheiratet. Helmut Crott ist 2008 gestorben und Randi erfährt erst jetzt von dem Schicksal ihrer Eltern. Das Schweigen ist entgültig gebrochen. Lilian fühlt sich nicht mehr an das damalige Versprechen gebunden. Sie schreiben zwei Jahre nach dem Tod Helmuts ein Buch darüber. Titel: „Erzähl es niemandem“.

Ein anderes Versprechen hat Lilian auch eingelöst. 2012 fliegt sie mit der Asche ihres Mannes nach Narvik, um die Urne dort zu begraben, wo sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Die Kamera ist dabei und Klaus Martens nimmt diese Begebenheit als Dreh- und Angelpunkt für seinen Film. Die Aufnahmen im Schnee, der Landschaft, man kennt solche Szenerien. Das ist nichts Neues. Lilian, inzwischen hochbetagt, erzählt und zeigt uns die markanten Orte ihres Lebens. Vieles wird dazu aus dem Off gelesen, aus der Buchvorlage. Interessant sind vor allem Ausschnitte aus dem Propagandafilm „Kampf um Norwegen“, die allerdings nur einen Rahmen bilden können. Viel Filmmaterial ist eben nicht vorhanden.

Aber der Inhalt, die Aussage über das kleine Licht in dem grausamen Krieg, das Licht der Menschlichkeit, der Wärme und der Zivilcourage dieser deutsch-norwegischen Liebe berührt auf jeden Fall. Das alleine genügt schon.

Heinz-Jürgen Rippert

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Neruda

Neruda - Piffl Medien

Neruda – Piffl Medien

Der chilenische Schriftsteller Pablo Neruda, Nobelpreisträger, war einer der wichtigsten Stimmen der internationalen Linken. Als Senator und Mitglied der Kommunistischen Partei hat er den Gipfel seiner politischen Karriere erreicht. Ende der 40er Jahre fiel er in Ungnade bei Präsident Gonzáles Vileda, weil er ihn des Verrates am chilenischen Volk bezichtigte. Neruda musste untertauchen und fliehen. Regisseur Pablo Larrain hat sich für seinen Film diese Episode ausgesucht und dabei Realität und Fiktion vermischt. So ist ein Kriminalfilm entstanden, eine Art Film noir, der eine Annäherung an Chiles berühmter Ikone erlaubt

Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016

Regie: Pablo Larrain

Buch: Guillermo Calderón

Darsteller: Gael Garcia Bernal, Luis Gnecco, Alfredo Castro, Mercedes Morán, Pablo Derqui, Alejandro Goic, Francisco Reyes

Länge: 107 Minuten

Verleih: Piffl Medien

Kinostart: 23. Februar 2017

Ende der 40er Jahre befand sich die Welt im Kalten Krieg und Chiles Präsident Gonzáles Vileda veränderte seine Haltung gegenüber der politischen Linken. Seine Radikale Partei war nach rechts gerückt. Die Allianz mit Sozialisten und Kommunisten brach auseinander, wobei die USA auch einen Anteil daran hatten, ihr Einfluss war gewachsen.

Neruda - Piffl Medien

Neruda – Piffl Medien

Dagegen lehnte sich Pablo Neruda auf, der als Mitglied der Kommunistischen Partei Senator war. Er warf Vileda Verrat am Volk vor. Hier setzt die Filmhandlung ein. Pablo Larrain mischt surrealistischen Humor darunter. So geht der barocke Sitzungssaal des Senats nahtlos in ein Pissoir über. Neruda erleichtert sich erst einmal, bevor er sich zu den Parlamentariern setzt, nicht ohne sich über den Präsidenten zu mokieren. Bald muss er allerdings Repressionen fürchten. Ein entsprechendes Gesetz hob seine parlamentarische Immunität auf. Vileda initiierte 1949 eine blutige Hexenverfolgung. Jeder Kommunist musste um sein Leben fürchten und floh, wenn es möglich war, aus einem Chile, das zum brutalen Überwachungsstaat mutierte. Grotesk, wie zeitlos dieses Thema ist.

Komik ist hier trotzdem dabei, wenn der Dichter nun untertauchen muss. Die Geschichte seiner Flucht im Film, zum großen Teil fiktiv als Legende ausgedacht, wird als Katz- und Mausspiel dargestellt. Larrain montiert auf diese Weise ein vielschichtiges Portrait Nerudas, das den Staatsterror in Gestalt des Polizisten Óscar Peluchonneau (Gael Garcia Bernal) personalisiert, der die Verfolgung aufnimmt. Nach außen hin wirkt der mit dem klassischen Hut – Film noir lässt grüßen – ausgestattete Kriminalpolizist wie ein kultivierter Gentleman, ist aber nur ein dämlicher und gutmütiger Trottel. Neruda spielt mit ihm, ohne dass der es merkt.

Und der Lebemann, dass ist Pablo Neruda ohne Zweifel gewesen – Womanizer, Gourmet, Weinkenner – macht die Flucht zu einer Reise durch die großartigen Landschaften Chiles. Bilder, wie aus einer großen Oper. Szenen, hoch oben in den schneebedeckten Anden bis zur grellen Atacama-Wüste, durchsetzt mit abenteuerlichen Begebenheiten. In der Wüste kommt Neruda an einem Konzentrationslager vorbei. Junger Kommandeur ist ein gewisser Augusto Pinochet.

Regisseur Pablo Larrain hat mehrere Filme über Chile gedreht. Im Gedächtnis dürfte noch sein „El Club“ sein, ein düsterer Film über straffällig gewordene Priester. Sein letzter Streifen „Jackie“ ist ein Hochglanzprodukt über Jacqueline Kennedy nach dem Attentat auf ihren Mann in Dallas. Perfekt gestaltet. Nun kann man in „Neruda“ eine neue Vorliebe kennenlernen, nämlich die des Phantasierens, das Spiel mit Realität und Fiktion. Es ist schon eine Hommage an Pablo Neruda und sein literarisches Werk.

Heinz-Jürgen Rippert

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