Die Wand


Martina Gedeck hat Mut bewiesen, und glänzt in einer außergewöhnlichen Solo-Rolle. In der Verfilmung des internationalen Bestsellers „Die Wand“ von Marlen Haushofer spielt sie die Frau, die nicht mehr aus der Umgebung einer Bergjagdhütte heraus kann und sich mit ihrem Leben neu arrangieren muß. Faszinierend die Aufnahmen der Bergwelt und die Authenzität der Darstellung. In dieser Utopie wird das menschliche Dasein auf das Wesentliche reduziert, klar und unprätentiös, und der Zuschauer verläßt irritiert und nachdenklich das Kino. Dort könnte sich das Gefühl der Irritation fortsetzen – angesichts unserer schönen Konsumwelt. Für Regisseur Julian Roman Pölsler bestimmt nicht die schlechteste Vorstellung.

http://www.diewand.studiocanal.de

Österreich/Deutschland 2010/11

Regie und Buch: Julian Roman Pölsler, nach dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer

Darsteller: Martina Gedeck, Karl Heinz Hackl, Ulrike Beimpold, Julia Gschnitzer, Hans-Michael Rehberg, Wolfgang Maria Bauer und Luchs

Länge: 108 Minuten

Verleih: Studiocanal

Kinostart: 11. Oktober 2012

Nein, es ist nicht ihre Welt. Die Gebirgslandschaft, die eine Frau (Martina Gedeck) mit einem befreundeten Ehepaar besucht. In deren Jagdhütte will sie sich ausruhen, die Freunde möchten noch einmal in das nächstgelegene Dorf spazieren. Sie kommen nicht mehr zurück. Am anderen Morgen will die Frau sie suchen. Mit ihrem Hund Luchs bricht sie auf, in Stadtschuhen – und kommt nicht weit. Sie prallt gegen eine unsichtbare Wand. Überall ist die umittelbare Gegend von der Außenwelt nun derart abgeschirmt. Nur nach oben geht es noch, Richtung Alm. Auffällig ist, daß sie die nächsten Nachbarn durch die unsichtbare Wand seltsam erstarrt sehen kann, ein altes Ehepaar vor dessen Hütte. Das Paar ist offensichtlich tot. Ein Albtraum.

Für die Frau beginnt zwangsweise ein Leben in Einsamkeit. Und sie muß überleben, daß weiß sie. Es bleibt ihr nichts anderes übrig. Hund Luchs wird zu ihrem Freund, der mehr auf sie aufpaßt, als sie auf ihn. Dann sind da noch zwei Katzen und eine Kuh samt Kalb. Diese und wilde Tiere spielen neben Martina Gedeck weitere Hauptrollen. Und natürlich die österreichische Gebirgslandschaft.

Damit steuert die Geschichte auf das Wesentliche zu, die Besinnung auf das bloße Existieren in der Natur – wie in frühen Zeiten des Menschseins – also die Grundfrage der menschlichen Existenz. Beklemmungen weichen allmählich zurück, Pragmatismus setzt sich durch. Das Warten auf Hilfe hört auf. Stoisch strukturiert die Frau ihren Tagesablauf neu, erkundet die Umgebung, lebt zuerst von den Vorräten in der Holzhütte, lernt Schießen mit den Jagdgewehren, die sich auch in dem Haus findet, pflanzt Kartoffeln, sammelt Beeren und treibt im Frühjahr die Kühe auf die Alm. Abends bringt sie das Erlebte zu Papier. Eine Möglichkeit für sie, den Alltag alleine zu verarbeiten und einzuordnen. Das Geschriebene erzählt Gedeck als Voice-Over mit ihrer ausdrucksvollen Stimme. So enstehen zwei Ebenen. Tun und darüber reflektieren und gleichzeitig die Darstellung zweier Landschaften: Die reale und die Seelenlandschaft einer einsamen Frau.

Schon die Romanvorlage der Österreicherin Marlen Haslinger (1920 – 1970) kommt bei der Rezeption zu unterschiedlichen Einschätzungen. 1963 ist das Buch erschienen. Von der „originellsten Utopie der modernen Weltliteratur“ wurde gesprochen, oder vom Unverständnis der Hauptfigur gegenüber – angesichts ihrer Haltung zum Verschwinden der Mitmenschen. Feministinnen sahen ein Modell von weiblicher Autonomie. Die Endzeittheoretiker – es herrschte der kalte Krieg – sprachen von einem „Was wäre, wenn?“. Wie auch immer, der Film liefert heute noch Stoff für Diskussionen.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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