Dieter Hildebrandt ist tot


Rund 60 Jahre stand er auf der Kabarett-Bühne, vor Fernseh- und Filmkameras, schrieb Bücher und war unablässig unterwegs zu Lesungen. Er wurde das „Gewissen der Nation“ genannt und galt als einflußreichster Kabarettist, genoß  viel Zuspruch und Beifall, allerdings weniger in der Politik. Sein tiefsinniger Witz, seine Scharfzüngigkeit, und auch sein Charme waren seine Markenzeichen. Nun ist Dieter Hildebrandt in der Nacht auf den 20. November 2013 gestorben. Der 86jährige hatte Prostata-Krebs. 

Dieter Hildebrandt stammte aus Niederschlesien. Am 23. Mai 1927 wurde er dort in Bunzlau geboren. Den Krieg überlebte er als Flakhelfer um danach in München Literatur-, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte zu studieren. Schon früh machte er die Bekanntschaft mit Humoristen und Kabarettisten wie Werner Finck und Erich Kästner, schaffte es vom Platzanweiser auf die Bühne, gründete dann 1956 mit Sammy Drechsel die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Bühnenpartner waren Ursula Herking, Klaus Havenstein und Hans-Jürgen Dietrich. Sie begleiteten und kommentierten die westdeutsche Wirtschaftswundergesellschaft bis 1972. Eine kabarettistische Instanz war das. Und meistens ließen sich da auch führende Politiker blicken, die oft – zähneknirschend – über sich selbst lachen mußten. Hildebrandt galt damals schon als jemand, der der Republik einen satirischen Spiegel vorhält. Gekonnt.  Wortgewandheit, Wortwitz und Charme waren seine Markenzeichen. Kritik an den Mißständen, wußte er auf den Punkt zu bringen. Einschüchtern ließ er sich nicht.

Dieter Hildebrandt - Copyright: deutsche-kabrarettisten.de

Dieter Hildebrandt – Copyright: deutsche-kabrarettisten.de

Das bewies er schließlich auch bei seiner ersten Fernsehsendung „Notizen aus der Provinz“ im ZDF. Von 1973 bis 79 lief sie. Der damalige ZDF-Indendant Dieter Stoldte, meinte, die Sendung brauche mal eine Denkpause. Grund genug, für Hildebrandt, bei der ARD etwas Neues zu machen. Es war der „Scheibenwischer“, der in Berlin beim SFB produziert wurde und bis 2008 lief. Mit Erfolg und manchen Kontroversen. So die Satire auf den Rhein-Main-Donaukanal mit Gerhard Polt. Korruption in Bayern haben sie dabei vor den Spiegel gezerrt. Der Bayerische Rundfunk war not amused und klinkte sich aus. Gerade die Sendung über die Tschernobyl-Katastrophe und Atompolitik provozierte die Bayern noch mehr. Franz-Josef Strauß war damals Ministerpräsident. Erfreulich, daß Hildebrandt unbeugsam blieb. Jüngeren, aber auch etablierten Kabarettisten bot er zudem beim „Scheibenwischer“ Auftrittsmöglichkeiten. Dabei wurden u.a. Georg Schramm, Bruno Jonas und Mathias Richling einem breiteren Publikum bekannt. 2003 schied Hildebrandt aus Altersgründen aus, blieb aber noch als Berater und gelegentlicher Gast der Sendung erhalten. 2008 wurde sie dann endgültig eingestellt.

Dafür hatte der Kabarettist auch prägnante Nebenrollen im Film übernommen, so den Pressefotografen Herbie Fried in der Gesellschaftssatire „Kir Royal“ von Helmut Dietl und den Börsenspekulanten Dr. Friedhelm Eigenbrodt in „Man spricht deutsh“, einer Satire über den Pauschaltourismus der Deutschen. Co-Autor und Hauptdarsteller war Gerhard Polt.

Neben Gastauftritten in neuen Kabarettsendungen  („Neues aus der Anstalt“), reiste Hildebrandt immerzu, meist mit der Bahn, kreuz und quer durch das Land, zu Bühnenauftritten und Lesungen. Seine Bücher hatten auch ein großes Publikum. Er war ein gern gesehener Gast und füllte bis zuletzt die Säle. Sein Auftreten, sein Umgang mit den Gastgebern, dem gesamten Personal hinterließ immer einen angenehmen Eindruck. Für jeden hatte er ein freundliches, väterliches Wort übrig.

Kein Wunder. Dieter Hildebrandt betrachtete sich stets als aufgeklärten Humanisten. Mit Vorliebe nahm er das weltfremde und abgehobene Verhalten von Politikern auf die Schippe. Mit seiner kabarettistischen Sprachkunst blieb er stetig den Mißständen und Ungerechtigkeiten der Bundesrepublik auf den Fersen. Aber in Politikern sah er keine Feinde. Deshalb zollten ihm Vertreter dieser Kaste – aller Parteien – meist doch Respekt, zumindest nach seinem Tod.

Dieter Hildebrandt hat auch den Autor dieses Nachrufs von seiner Jugend an inspiriert und zum kritischen Denken angeregt. In Zeiten allseitiger Verflachung des Fernsehens mit dem um sich greifenden Comedywahn, kann man nur dankbar sein, wenn er den einen oder anderen Nachwuchskabarettisten ebenfalls inspiriert und ermutigt – und nicht nur die.

Werner Schneyder, der mit Hildebrandt so oft aufgetreten ist,  sagte in einem Interview mit dem DeutschlandradioKultur: „Ich sage immer, es gibt ja diese berühmten Phasen, was kann Kabarett bewirken? Da sagen manche immer, im Grunde kann es nichts bewirken, weil die Politiker machen so und so das, was die Politik will. Es kann etwas bewirken. Es kann in Leuten Zweifel deponieren. Es kann Leute anregen, zu sagen, hat er da recht oder hat er da nicht recht? Es kann zu Streit zwischen Paaren führen, es kann Publikum teilen – und all das hat der Hildebrandt meisterlich beherrscht.“

Dieter Hildebrandt hinterläßt seine Frau Renate Küster und zwei Töchter aus erster Ehe. Seine erste Frau Irene starb 1985 ebenfalls an Krebs.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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