Snowpiercer


Snowpiercer - Verleih: MFA

Snowpiercer – Verleih: MFA

Bei diesem Film gibt es keinen Halt. Da ist Bewegung drin, von Anfang bis zum Ende. Die Menschheit hat die Erderwärmung nicht bremsen können. Eine Eiszeit hat die Erde kaltgestellt. Der kümmerliche Rest der Menschheit befindet sich in einem Zug, der nicht bremsen darf, er würde sonst festfrieren, der also ununterbrochen fährt, die Welt umrundet – Klaustophobie, Klassentrennung, Diktatur inklusive. Diese apokalyptische Vision hat der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho – nach einer Graphic Novel des Wahl-Berliners Jean-Marc Rochette – bildgewaltig umgesetzt.

OT: Snowpiercer

Südkorea/Frankreich/USA 2013

Regie: Bong Joon-ho

Buch: Bong Joob-ho, Kelly Masterson

Darsteller: Tilda Swinton, Chris Evans, Jamie Bell, John Hurt, Ed Harris, Song Kang-ho

Länge: 126 Minuten

Verleih: MFA+ FilmDistributation/Ascot Elite

Kinostart: 03. April 2014

In Comics oder Graphic Novels kann man seiner Phantasie freien Lauf lassen. Im Film dies umzusetzen, erfordert die Vorarbeit von mehreren Jahren. Bong Joon-ho, einer der erfolgreichsten Regisseure Südkoreas, brauchte rund vier Jahre. Produziert wurde sein Schneekreuzer überwiegend in Tchechien. Stunt-, Szenen- und visuelle Experten, die schon bei „The Illusionist“, „Spiderman 2 und „Tödliche Versprechen“ mitwirkten, ergänzten das Team.

„Snowpiercer“ ist eine Odyssee, von der keiner weiß, wie lange sie dauert. Eine Eiszeit hat die Erde zu einem Kälteplaneten gemacht – katastrophale Folge des Versagens der Menschheit bei der Verhinderung der Erderwärmung. Kein Leben mehr an der toten Eroberfläche, nur Eis- und Schneewüsten. Der lange Zug rast, ohne Halt zu machen, durch diese Trostlosigkeit rund um den Globus. Tristesse und Elend gleichfalls im hinteren Zug-Teil. Dort leben die Armen, zerlumpt und eingepfercht. Je weiter man nach vorne kommt, desto schicker und luxuriöser wird das Interieur. Dort fließt der Champagner in Strömen. Man könnte meinen, die Filmemacher haben Fritz Langs Klassiker „Metropolis“ von vertikaler Perspektive (Wolkenkratzer) in eine horizontale umgestaltet. Eine Klassengesellschaft, die streng getrennt ist, mit Soldaten als Vollstrecker eines geheimnisvollen Diktators an der Spitze des Zuges.

Den Gipfel einer Karikatur in dieser häßlichen wie teuflischen Führungsriege spielt Tilda Swinton. Sie verkörpert eine zynische und brutale Generalin – Ähnlichkeit mit einer ehemaligen britischen Premierministerin ist nicht ganz unbeabsichtigt. Ihre Lieblingstrafe: Sie läßt den Arm des jeweiligen Delinquenten solange durch ein Loch nach außen hängen, bis er abgefroren ist. Dabei ist die Verpflegung der Armen schon schlimm genug. Vorne im Luxusbereich wird dagegen nicht nur Edles gesoffen, sondern auch Drogen aus Industrieabfällen konsumiert.

Dort wollen die Anführer des schon lange keimenden Aufstandes, Curtis (Chris Evans) und Edgar (Jamie Bell), schon lange hin. Im Hintergrund der Revolte steht der allseits geliebte Gilliam (John Hurt) – eigentlich eine ziemlich widersprüchliche Figur. Genauso zwiespältig ist der Mann an der Spitze des Zuges. Wilfort heißt er und wird von einem Mimen gespielt, der das Böse, das Abgründige bestens mit Ironie und Süffisanz verbinden kann – von Ed Harris.

Die Tour durch den Zug, die Revolte, der Gewaltmarsch ist ebenfalls eine Odyssee nach vorne, in die Abgründe der menschlichen Niedertracht und Habgier mit dem Machterhalt um jeden Preis.

Bong Joon-ho hat bei der Umsetzung des Stoffes koreanische, europäische und amerikanische Film-Traditionen vermischt sowie gleichzeitig Zeitspiegelungen eingebaut. Kampfspektakel, Action, einen tiefgründigen Hintergrund und hie und da bissiger Witz, mit häufigem Tempo-Wechsel. Daraus ist eine bitter-, bitterböse Gesellschaftssatire geworden. Klassenkampf, aber ohne Pathos. Und daß in der Apokalypse die Unmenschlichkeit beibehalten wird, ist selten in der Filmgeschichte. Originell, eindringlich, zeitkritisch, spannend. Sehenswert.

Heinz-Jürgen Rippert

 

 

 

 

 

 

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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