Wolfskinder


Wolfskinder - Port-au-Prince Pictures

Wolfskinder – Port-au-Prince Pictures

Dieser Film beeindruckt nicht nur – er tut auch weh. Das muß er, denn Kinder waren schon immer die Hauptleidtragenden in und nach Kriegen. Rick Ostermann setzt in seinem ersten Langspielfilm den sogenannten „Wolfskindern“ ein Denkmal. Viele werden gar nicht mehr wissen, wer das war. Wolfskinder wurden die Waisenkinder genannt, die nach dem Krieg 1946 durch die Wälder Ostpreußens und Litauens irrten und nichts anderes wollten, als zu überleben. Tausende Kinder – oft unter-10jährige – haben das nicht überlebt. Ostermann erzählt hier von der Odyssee und dem Schicksal zweier Brüder.

Deutschland 2013

Buch + Regie: Rick Ostermann

Darsteller: Levin Liam, Jördis Triebel, Helena Phil, Vivien Ciskowska, Patrick Lorenczat, Willow Voges-Fernandes

Länge: 94 Minuten

Verleih: Port-au-Prince Pictures

Kinostart: 28. August 2014

Durch die Stille ertönt ein Schuß. Sowjetische Soldaten sind zu sehen, aber es sind nicht sie, die abgedrückt haben, sondern zwei Kinder, Brüder, die das getötete Pferd wegschleppen. Hans (Levin Liam) und Fritzchen (Patrick Lorenczat), 14 und 7 Jahre alt. Sie haben das Tier russischen Soldaten entwendet und weiden es nun aus. Ihre Mutter (Jördis Triebel in einer kurzen denkwürdigen Einstellung) stirbt kurze Zeit darauf, nicht ohne den eindringlichen Hinweis, nach Osten, nach Litauen sich durchzuschlagen, sich nicht zu verlieren und nicht zu vergessen, wer sie sind.

Wir befinden uns im Jahr 1946. Die beiden Waisenkinder sind von nun an auf sich angewiesen, müssen täglich ums Überleben kämpfen, den Weg durch die Wälder Ostpreußens nach Litauen finden und dabei die Memel durchschwimmen. Es sind zwei von ungefähr 25 000 Kriegswaisen, die, wenn sie das überleben wollen, alle Skrupel beiseite schieben müssen. Die Moral stirbt zuerst und viele Kinder – Wolfskinder genannt – verwahrlosen, sterben auf ihrer Odyssee durch die Natur und Einsamkeit. Sie sterben durch Hunger, werden von marodierenden russischen Soldaten erschossen oder in ferne sibirische Lager deportiert.

Hans verliert Fritzchen beim Durchschwimmen der Memel aus den Augen. Soldaten haben sie und andere Kinder vom Ufer aus unter Feuer genommen. So schließt sich Hans dieser Gruppe an, denn alle suchen mehr Sicherheit in Litauen. Dort soll es Bauern geben, die Kinder zum Viehhüten oder als Haushaltshilfen aufnehmen. Hans fragt ein Mädchen: „Wo willst du eigentlich hin?“ – Antwort: „Ich versuche nicht zu verhungern“. Neben Hunger, Durst sind Krankheiten und das Wetter weitere Feinde der Umherirrenden.

Rick Ostermann kommt uns nicht mit historischen Erklärungen, vielmehr reduziert er die Handlung auf das Archaische, den alltäglichen Überlebenskampf aus der Kinderperspektive und auf Lakonie in der Sprache. Einzig die Natur im Baltikum ist üppig und opulent und die Kameraarbeit von Leah Striker bemerkenswert, die wundervoll mit Licht umgehen kann. Das wirkt manchmal tröstend, der Film schafft aber in seiner Gesamtwirkung, seiner Ästhetik, ein Denkmal für diese Kinder und alle kleinen Opfer der Kriege von Erwachsenen – wo und wann auch immer.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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