Shirley – Visionen der Realität


Shirley - Rendezvous Filmverleih

Shirley – Rendezvous Filmverleih

Entrückt, in sich versunken sind die Figuren auf den Gemälden Edward Hoppers. Meist sind es Frauen oder Paare, die der New Yorker Maler in Szene setzte – einsam und wortkarg, aber klar und in kräftigen Farben. Jetzt hat der österreichische Regisseur Gustav Deutsch ein ungewöhnliches Experiment gewagt. 13 Bilder stellt er mit den Mitteln des Films nach, macht die Szenerien zu Sets und stellt eine Frau in den Mittelpunkt: Er gibt ihr den Namen Shirley.

OT: Shirley: Visions Of Reality

Österreich 2013

Buch + Regie: Gustav Deutsch

Darsteller: Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier

Länge: 93 Minuten

Verleih: Rendezvous

Kinostart: 18. September 2014

Eine Protagonistin, die ihrerseits als Malobjekt in den 1930er bis 60er Jahren Vorbild für filmische Stilformen wie den Film-Noir war, beschäftigt Gustav Deutsch. Edward Hopper hat so etwas wie szenische Vorlagen, die auch Standfotos sein könnten, geschaffen. Und damit Film-Regisseure wie Alfred Hitchcock, Jim Jarmush, Martin Scorsese und Wim Wenders beeinflußt. Genaue Lichtsetzung, sorgsam gewählte Bildausschnitte begeistern bis bis heute Film- und Fotofreaks in aller Welt. In der Kunstgeschichte gilt Hoppers Werk als amerikanischer Realismus par excellence. Seit über vierzig Jahren hat diese Art der ästhetischen Darstellung auch in Europa zahlreiche Freunde gefunden.

Scharfe geometrische Linien und warme bis kühle Farben kontrastieren in den Stadtbildern des Malers. Dagegen sind übrigens seine draußen, auf dem Lande und an der Atlantikküste entstandenden Gemälde in ihren Formen weicher und runder und Menschen sind meist nicht zu sehen.

Die Figuren in Cafes, Bars, Büros, Kinos und Apartments wirken wortkarg, in sich verkapselt und einsam. Was in ihnen vorgeht, was sie denken, ist die spannende Frage und Motiv für diesen Film. Jeder Betrachter hat sich das bestimmt mal gefragt.

Die Frau – Shirley – wird also zum Leben erweckt, ohne den kühlen Zauber der Bilder anzutasten. Beachtlich. Kameraeinstellungen sind statisch, nur der Zoom wird bewegt. Stephanie Cumming, eine kanadische Tänzerin und Choreographin, zieht uns in ihre Gedanken und Betrachtungen mit ein. So entsteht ein Kaleidoskop der mittleren Dekaden der amerikanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Auf die Stilisierung folgt das vorsichtige Auflösen. Die Wirkung politischer und wirtschaftlicher Einflüsse auf Menschen, und das damit verbundene Arrangement mit den entsprechenden Rahmenbedingungen. Verharren, Suchen, Finden oder Nichtfinden. Brüche überstehen oder Leiden. Resignieren oder Aufbrechen. Reflexionen über Zeitgeschichte, Kunst, Schauspielerei, Philosophisches und Privates. Und – das darf man nicht vergessen, gleichzeitig eine subtile Auseinandersetzung mit der politisch rechtslastigen Einstellung des Malers.

Absurd oder gewagt. Mißlungen oder gelungen. Die Antwort liegt beim Betrachter. Unzweifelhaft ist dagegen die äußerst gelungene technische und filmische Umsetzung. Der Film ist ein seltenes Experiment, das Aufmerksamkeit verdient.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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