Zwei Tage, eine Nacht


Zwei Tage, eine Nacht - Alamode

Zwei Tage, eine Nacht – Alamode

Die belgischen Brüder Dardenne haben wieder einmal versucht, bei unserer Arbeits- und Wirtschaftswelt hinter die Fassaden zu schauen, zu forschen und dabei von Schicksalen zu erzählen, die sich daraus ergeben. In ihrem neuen Film geht es um das Überleben einer jungen Mutter, die um ihren Job kämpfen muß und nach etwas sucht, das es kaum noch gibt: nach Solidarität. Denn ihre Kollegen müßten dafür auf Bonuszahlungen verzichten. Ihr bleiben nur zwei Tage und eine Nacht, um sie zu überzeugen. Großartig unprätentiös – Marion Cotillard

OT: Deux jours, une nuit

Belgien/Frankreich/Italien 2014

Regie: Jean-Pierre Dardenne

Buch: Jean-Pierre & Luc Dardenne

Darsteller: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne, Simon Caudry, Catherine Salée, Baptiste Sornin, Alain Eloy, Myriem Akheddiou, Fabienne Sciascia

Länge: 95 Minuten

Verleih: Alamode

Kinostart: 30. Oktober 2014

Keiner nutzt das Medium Film derart realistisch, um die zunehmend schwierigen und unsicheren Lebensverhältnisse von Menschen im Spätkapitalismus zu schildern, wie Jean-Pierre und Luc Dardenne. Die Brüder haben in ihren preisgekrönten Filmen meist die Rollen mit Laiendarstellern besetzt, für eine nuancierte charakterliche Darstellung auch Stars wie Cécil de France in „Der Junge mit dem Fahrrad“ gewinnen können.

Diesmal ist es die Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard („La vie en rose“, „Midnight in Paris“), der sie eine enorme schauspielerische Leistung abverlangen. Und Cotillard kann das, kann sich zurücknehmen, gänzlich unprätentiös spielen. Eine junge Frau und Mutter, die sich gerade von Depressionen erholt hat, und der nun der Boden unter den Füßen entgültig entzogen werden soll, wieder von depressiven Anfällen heimgesucht wird, sich doch immer wieder aufrafft und kämpfen muß.

Worum geht es: Sandra droht Arbeitslosigkeit. Der Unternehmer einer kleinen Solarfrabrik präsentiert die Alternativen. Wenn alle einen Bonus von 1000 Euro einstreichen wollen, die meisten wollen das, verliert Sandra ihren Job. Verzichten sie auf den Bonus, behält Sandra ihn. Ein existentieller Gau für sie und ihre kleine Familie droht. Ihr bleiben zwei Tage und eine Nacht, das Ergebnis zu korrigieren. Sandra muß losfahren, zu ihren Kollegen, das gleicht einer Odyssee, einer Reise durch die Niederungen, die der Neoliberalismus für die erodierende Mittelschicht noch übrig läßt. Sie ist gezwungen bei ihren Kollegen zu betteln, zu überzeugen, an Solidarität zu erinnern. Ihre Würde steht mit dem Gehalt auf dem Spiel. Allerdings beginnt Würdeverlust schon damit, das kleine Häuschen nicht mehr abzahlen zu können, um demzufolge gezwungen zu sein, in irgendeine Sozialwohnung zu ziehen.

Schaut man sie die Szenerie an, so ist das ganze Umfeld – in Belgiens ehemaligem Kohle- und Stahlrevier um Lüttich gedreht – schon trist genug. Und die kleinen Wünsche, die sich die Kollegen mit dem Bonus finanzieren wollen, sind auch nicht gerade überbordend. Es geht den Menschen eigentlich nur noch um das überschaubare Glück. Dass sich die Rahmenbedingungen dafür immer unmenschlicher und unmoralischer entwickeln, scheinen sie zu verdrängen.

Die Dardenne-Brüder beobachten, bleiben dicht dran, ohne zu werten, ohne zu kommentieren, überlassen es dem Zuschauer, soziale Einsamkeit als Endzustand des Kapitalismus einzuordnen. Vor allem kann der Kinobesucher die Größe, zu der ein Mensch in diesen Niederungen noch fähig ist, bewundern – und die außerordentliche, berührende Leistung einer Marion Cotillard erst recht.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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