Mr. Turner – Meister des Lichts


Mr. Turner - prokino

Mr. Turner – prokino

Der britische Regisseur Mike Leigh ist bisher bekannt und geschätzt als Meister des aktuellen Sozialdramas. Nun hat er sich einmal auf einem neuen Feld ausprobiert – des Künstler-Biopics. William Turner steht im Mittelpunkt. Der Maler, schon vor rund zweihundert Jahren ein Pionier der Moderne war und den Weg zum Impressionismus gewiesen hat. Leighs Gespür, Charaktere genau herauszuarbeiten, ist dank der Besetzung von Timothy Spall bestens gelungen, der immerhin in Cannes mit dem Preis als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde.

OT: Mr. Turner

Großbritannien 2014

Buch + Regie: Mike Leigh

Darsteller: Timothy Spall, Dorothy Atkinson, Marion Bailey, Paul Jesson, Ruth Sheen, Sandy Foster, Karl Johnson

Länge: 149 Minuten

Verleih: Prokino

Kinostart: 6. November 2014

Seinerzeit war William Turner (1775 – 1851) der radikalste und widersprüchlichste Maler Englands. Aus einfachen Verhältnissen stammend – der Vater war Barbier – hat er es bis zum Mitglied der Royal Academy gebracht, vorwiegend mit maritimen und Landschafts-Motiven. Eine entsprechende Ausbildung hat er nicht vorzuweisen und die ersten Ausstellungen finden in den Geschäftsräumen seines Vaters William (Paul Jesson) statt.

Mike Leighs Film beschäftigt sich mit der zweiten Lebenshälfte des Malers, hakt aber nicht Station auf Station ab, sondern verwebt die lebenslange Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, um die Schönheit von Natur und das (dramatische) Sein auf dieser Erde in Gefühle umzuwandeln – auch in dramatischer Hinsicht – mit Eindrücken seiner Präsenz unter Menschen. Zahlreiche Reisen hat Turner in Europa unternommen, immer alleine, Menschen würden dabei nur stören. Seine Besessenheit ist soweit gegangen, daß er sich einmal bei Sturm an einen Schiffsmast binden ließ, um die maritimen Naturgewalten und das sich ständig verändernde Licht zu studieren. Was andere Menschen angeht, Männer wie Frauen, hat er den Ruf eines schwierigen, schwer zugänglichen, bärbeißigen und derben Zeitgenossen, der mehr durch Grunzen als Sprechen aufgefallen ist.

Mit seiner Haushälterin Hannah (Dorothy Atkinson) versucht er hin wieder seine sexuelle Lust zu befriedigen, allerdings rein mechanisch. Da sucht man vergebens nach Gefühlen. Erst spät in seinem Leben, bei häufigeren Aufenthalten an der südostenglischen Küste, beginnt er eine zaghafte Liebesaffäre mit der Vermieterin. So etwas wie Wärme schimmert allmählich bei dem wuchtigen Maler durch. Die unehelichen Töchter aus früheren Zeiten lassen ihn jedoch kalt.

Turners Feingefühl tobt sich auf seinen Gemälden aus. Dieser Nuancenreichtum hat ihn berühmt gemacht und nachfolgende Maler den Weg zur Moderne, zum Impressionismus eines Claude Monet oder später sogar zur Abstraktion eines Wassily Kandinsky gewiesen. Die Wärme und Leuchtkraft der Farben des Lichts sind außergewöhnlich und verfehlen ihre Wirkung bis heute nicht. Trotz aller ruppiger Anarchie ist William Turner ein Mann mit Prinzipien. Verlockend finanzielle Angebote für den Verkauf seines Gesamtwerkes an Privatsammler hat er abgelehnt, zugunsten einer Schenkung an den britischen Staat.

Magische Momente auf der Kinoleinwand hat Mike Leigh eingefangen, wobei die Blicke auf Gemälde nur kurz sind. Adäquat würden sie im Kino auch kaum wirken. Atmosphärisch dicht ist der Film trotzdem geworden. Leighs Konzept geht auf, man merkt es daran, daß die zweieinhalb Stunden wie im Fluge vorbeigehen. Und Timothy Spall ist endlich der Sprung vom ewigen Neben-zum großen Hauptdarsteller gelungen. Zwei Jahre hat er sich intensiv auf die Rolle des Malers vorbereitet. Das hat sich gelohnt – mit der Auszeichnung als Bester Darsteller bei den Festspielen in Cannes 2014.

Heinz-Jürgen Rippert

 

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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