Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach


Eine Taube sitzt auf einem   Zweig und denkt über das Leben nach - Neue Visionen

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach – Neue Visionen

Roy Andersson ist ein Meisterwerk gelungen, das an Skurrilität, Situationskomik und Lakonie kaum zu übertreffen ist und dafür den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig bekommen hat. Der schwedische Spezialist für das Absurde läßt zwei traurige Gestalten als Scherzartikelverkäufer auf die Menschen los

OT: En duva satt pa en gren och funderade pa tillvaron

Schweden/Norwegen/Frankreich/Deutschland 2014

Buch + Regie: Roy Andersson

Darsteller: Holger Andersson, Nils Westblom, Charlotta Larsson, Lotti Törnros, Viktor Gyllenberg

Länge: 100 Minuten

Verleih: Neue Visionen

Kinostart: 1. Januar 2015

Eine durchgehende Handlung darf man bei diesem Film nicht erwarten. Vielmehr sehen wir einzelne, für sich stehende surreale Tableaus, bei denen zwei Figuren immer wieder auftauchen. Zwei traurige Gestalten, die überall versuchen, Scherzartikel zu verkaufen – mit mäßigem Erfolg. Der „Renner“ seien Vampirzähne, behaupten sie. Nur die Leute rennen vor Schreck davon oder lassen sich überhaupt nicht beeindrucken. Selbst Lachsäcke haben nicht die erhoffte Resonanz.

Eine traurige Komik ist das. Andersson inszeniert diese Pointen der Traurigkeit mit Akribie, einem Witz, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, und das Ganze in sehr blassen Farben. Da kippt in einem Flughafenrestaurant ein Gast an der Kasse zusammen. Jetzt wird jemand gesucht, der das bereits bezahlte Essen und Bier verzehren möchte. Andere Szene. Da stirbt ein dicker Mann bei dem Versuch, eine Weinflasche zu entkorken, während seine Frau vor sich hinsummt. Noch absurder: In einem Krankenhaus hält eine sterbende Frau ihre Handtasche verzweifelt fest, die ihr Verwandte entreißen wollen. Oder: König Karl XII. befindet sich auf einem Feldzug (hat er damals am liebsten gemacht) und kehrt vorher in eine Bar ein, um noch ein Wasser zu trinken. Auf dem Rückweg guckt er schwerverletzt noch einmal herein und muß die Toilette aufsuchen. Die ist leider besetzt.

Auch andere Regieeinfälle führen zum Schmunzeln. Eine üppige Tanzlehrerin gibt einen Flamenco-Kurs. An einem blonden Tanz-Schüler fingert sie gerne rum, bis es diesem zu viel wird, und er den Saal fluchtartig verläßt. Tief melancholisch: In einem Lokal verschenkt eine hinkende Kellnerin Schnäpse an mittellose Gäste – gegen einen Kuß.

Die ganze Traurigkeit des Lebens, die Melancholie, Absurdität, aber auch Hoffnung spiegelt sich in diesem Film mit dem sperrigen Titel. Existenzphilosophie mal anders. Roy Andersson, inzwischen 71 Jahre alt, kann es sich erlauben, wenige, dafür besondere Filme abseits des Mainstreams zu drehen – hier zum ersten Mal digital. Denn das Geld für seine Produktionsfirma und sein eigenes Leben verdient er sich mit Werbeclips. Auch die sind übrigens meist recht schrill. Er hat sich eben seine eigene Freiheit erkämpft. Bleibt zu hoffen, daß der Goldene Löwe von Venedig sein aktuelles Kino-Werk wenigstens etwas populärer machen kann.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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