Frau Müller muss weg


Frau Müller muss weg - Constantin Film

Frau Müller muss weg – Constantin Film

Sönke Wortmann ist mit „Frau Müller muss weg“ ein bissiger Film über den Schulalltag und den Geltungswahn von Eltern gelungen, die notfalls auch über Leichen gehen würden, wenn ihre Kinder nur aufs Gymnasium gehen können. Ob sie dazu befähigt sind oder nicht. Wortmann ist schon eine erfolgreiche Bühnenversion gelungen, die im Berliner Grips-Theater lief. Nun die Kino-Adaption mit einem passenden, spielfreudigen Ensemble: Anke Engelke, Justus von Dohnányi, Gabriela Maria Schmeide, Ken Duken, Mina Tander und Alwara Höfels

Deutschland 2014

Regie: Sönke Wortmann

Buch: Lutz Hübner, Sarah Nemitz (auch Theater-Fassung), Oliver Ziegenbalg

Darsteller: Anke Engelke, Justus von Dohnány, Gabriela Maria Schmeide, Ken Duken, Mina Tander, Alwara Höfels

Länge: 87 Minuten

Verleih: Constantin Film

Kinostart: 15. Januar 2015

Für die 4. Klasse einer Dresdner Grundschule wird es langsam ernst. Die Zwischenzeugnisse stehen an, eine Vorentscheidung für den Wechsel aufs Gymnasium oder die Realschule. Und bei einigen Schülern wackelt’s verdächtig. Das paßt natürlich überehrgeizigen Eltern überhaupt nicht. Also folgern sie daraus – nach dem Motto: Wer hat’s vermasselt? – die Lehrerin muss weg. Nun erscheint eine Handvoll Erziehungsberchtigter entschlossen zu einer außerplanmäßigen Elternsprechstunde.

Es sind die einzigen Außenaufnahmen, die auf dem Schulhof bei der Ankunft der Empörten. Die Schule selbst bietet aber mehr Raum für ein Kammerspiel und dem entsprechend einige schauspielerische Kabinettstückchen als eine Theaterbühne. Das ist natürlich genau das passende „Schlachtfeld“ für Comedians wie Anke Engelke. Sie gibt die erfolgreiche, berechnende und egoistische Karrierefrau, für die kein anderer Schulabschluß als das Abitur in Frage kommt. Und sie setzt sich an die Spitze der Delegation um der Klassenlehrerin, Frau Müller (Gabriela Maria Schmeide), klipp und klar mitzuteilen, daß sie ihre Klasse abgeben soll. Sie sei einfach zu überfordert und werde den Kindern nicht mehr gerecht. Außerdem hätten sich die Noten nach unten bewegt.

Dies ist, wir brauchen nicht lange zu überlegen, nicht die einzige Grundschule, wo sich solch eine Ausgangsposition bildet. Überforderte, neurotische Eltern lasten den Lehrern Überforderung oder gar Unfähigkeit an. Frau Müller – etwas verhuscht – trudelt jetzt auch ein und wird sogleich mit der Entscheidung konfrontiert – als ob die Eltern Arbeitgeber wären. Die Auseinandersetzung schaukelt sich hoch und Frau Müller verläßt erstmal fluchtartig das Klassenzimmer, nicht ohne den Hinweis, daß sie eine Physiotherapie wegen ihres Rückenleidens macht, keine Psychotherapie, wie hinter ihrem Rücken kolportiert wird. Merkwürdig, die Notenliste läßt sie in ihrer Tasche liegen.

Im folgendem zeigt sich, wie ein Kammerspiel zum Schlachtfeld wird, weil gruppendynamische Prozesse leichter greifen. Im Laufe des unterhaltsamen Geschehens nimmt man erstaunt zur Kenntnis, daß es längst nicht mehr um die Kinder geht, sondern um die neurotischen, verqueren Befindlichkeiten der Eltern. Ken Duken und Mia Tander als pragmatischer Vater und esoterische Superbiofrau, zugereist aus Köln, durchkauen mittlerweile eine bisher unter der Decke gehaltene Ehekrise. Bei Justus von Dohnányi als arbeitslosem, alleinerziehenden Vater ist man sich nicht sicher, wer mehr Angst vor der Schule hat – seine Tochter oder er? Einzig Alwara Höfels hält sich weitgehenst raus. Warum auch immer. Vielleicht ist sie noch die lebensklügste Mutter in der Runde.

Da die Streithähne Frau Müller langsam vermissen, durchforsten sie die Schule nach der Lehrerin. Höhepunkt ist ohne Zweifel Anke Engelkes kühner Sprung in den Swimmingpool – um ihr Blackberry wieder heraus zu holen. „Da geht also die ganze Kohle aus Brüssel hin“, stellt sie bei der Gelegenheit pampig fest. Die Schul- und Elternposse nähert sich langsam dem Höhepunkt, die Ehe der beiden Zugereisten aus Köln ist kaputt, eine Glasvitrine mit Basteleien auch und dafür rückt das Notenverzeichnis von Frau Müller in den Fokus des Interesses. Da muß man doch einmal gucken – und siehe da, gar nicht mal so schlecht.

Frau Müller kommt zurück und zeigt den mittlerweile nicht mehr so wütenden Eltern, daß sie mehr Rückgrat besitzt, als bisher angenommen. Die Helikopter (von Helikoptereltern) gehen langsam zu Bruch und der Film zu Ende. Schade, Sönke Wortmann hat ihn nicht hart aus den Kurven schießen lassen – zu sehr ist die Handlung karikiert. Da können sich auch Helikoptereltern – ohne zu flüchten – bequem in die Kinosessel schmiegen.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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