Wir sind jung.Wir sind stark.


Wir sind jung. Wir sind stark. - Zorro Film

Wir sind jung. Wir sind stark. – Zorro Film

In dieser, wieder einmal aufgewühlten Zeit hat ein junger, afghanisch-stämmiger Regisseur den Mut, einen Film über das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen in der Wendezeit 1992 zu drehen. Ungeschminkt, hart, verstörend und apokalyptisch. Vier Tage Bürgerkriegsstimmung zwischen Plattenbauten. Jugendliche ohne Plan, Erwachsene ohne Rückgrat, Polizei voller Hilflosigkeit. Burhan Qurbani ist ein kontroverser Film gelungen, der einen sprachlos macht

Deutschland 2014

Regie: Burhan Qurbani

Buch: Martin Behnke, Burhan Qurbani

Darsteller: Jonas Ney, Joel Basman, Saskia Rosendahl, Paul Gäbler, David Schütter, Jakob Bieber, Gro Swantje Kohlhof, Devid Striesow, Trang Le Hong, Mai Duong Kieu, Matthias Brenner

Länge: 128 Minuten

Verleih: Zorro Film

Kinostart: 22.Januar 2015

Burhan Qurbanis Film macht sprachlos – das ist seine Stärke. Bei den Vorbereitungn zu diesem Projekt war übrigens von der NSU, Pegida, Lehida und diversen anderen rassistischen Bewegungen noch gar nicht die Rede. Denn rechtsradikale Exzesse brachen schon kurz nach der Wende aus. Traurige Bekanntheit erlangten die Pogromnächte in Rostock-Lichtenhagen. Das war im August 1992. Die Filmhandlung konzentriert sich auf die Zeit vom 22. bis 25. August.

Politiker sprachen damals von „blühenden Landschaften“ in der ehemaligen DDR. Es sollte nur noch bergauf gehen. Doch nichts davon für die Menschen – es herrschte vorwiegend Tristesse, wie in Rostock-Lichtenhagen. Alles sackte ab, alles war im Umbruch und führte zu Stress, Angst und Verunsicherung. Arbeitslosigkeit fegte viele Menschen aus ihrer täglichen Verankerung. Gleichzeitig wuchs die Aggression bei Jugendlichen. Das Ziel waren dann zuerst Flüchtlinge und Vertrags- oder Gastarbeiter.

Eine Gruppe von Teenagern hat Qurbani in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Bei ihnen kulminiert das Geschehen. Alkoholismus und Langeweile, Arbeitslosigkeit und erste sexuelle Erfahrungen prägen diese Tage, auch wenn die Episoden fiktiv angelegt sind. Der Ton ist rüde und gleichzeitig Stimmungsbild für die kommenden Gewaltexzesse. Die Szenerie ist in Schwarz-Weiß gedreht und verleiht dem Ganzen einen dokumentarischen Charakter. Erst gegen Schluß wird es bunt, wobei der Wechsel nicht nachvollziehbar ist.

Die Erwachsenen in dem Film, wie Martin, der Vater von Stefan (Devid Striesow), der ein schlaffes Bild von Lokalpolitiker abgibt, stehen den Ereignissen völlig hilflos gegenüber. Und die örtliche Polizei ist einfach abgerückt, just als ein Wohnheim – vorwiegend von Vietnamesen bewohnt – brennt und die Insassen in ihrer Not auf das Dach flüchten. Die einen grölen, vollkommen alkoholisiert, und die Jugendlichen, ebenfalls schon lange nicht mehr nüchtern, setzen nach, voller Zerstörungswut und stürmen – mit anderen Molotow-Cocktails werfenden Durchgeknallten – das Gebäude. Währenddessen Stefans Vater Martin zu nichts anderem fähig ist, als „Bloß keine Gewalt“ hilflos dem Mob hinterher zu rufen.

Das tut schon ziemlich weh, das Zuschauen – dem Hass und der Angst in die Gesichter zu blicken, wie auch der Passivität. Aber angeklagt wird niemand. Burhan Qurbani will damit vielmehr ein Denkmal mit den Mitteln der Kunst schaffen. Und die jungen, engagierten Schauspieler, allen voran Jonas Nay, Joel Basman, Saskia Rosendahl, Paul Gäbler sowie Trang Le Hong, Mai Duong Kieu und Aaron Le als vietnamesische Gastarbeiter, hauchen Tätern wie Opfern Leben ein. Soviel Leben, daß vielleicht manche Zuschauer die Story nicht nur als ein Stück deutsche Zeitgeschichte mitnehmen werden, sondern auch als Mahnung an aktuelle Bewegungen, diesen Hammelherden, die mit P oder L beginnen, letztlich auch an Politiker, was deren „Volkszorn“ einmal anrichten könnte.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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