Red Army – Legenden auf dem Eis


Red Army - Weltkino

Red Army – Weltkino

Eishockey ist Nationalsport in der Sowjetunion gewesen. D e r Nationalsport. Und die Nationalmannschaft hat Siege weltweit gescheffelt. Keine Sportart hat dem Land zu mehr Renommee verholfen und kein Team hat den Gegnern mehr das Fürchten gelehrt. Besonders in den 80er Jahren galt die UdSSR als unschlagbar. Jetzt beleuchtet eine Dokumentation des US-Amerikaners Gabe Polsky die Hintergründe des Erfolgs

USA/Russland 2014

Regie + Buch: Gabe Polsky

Protagonisten: Slawa Fetissow, Sergej Makarow, Wladimir Krutow, Igor Larionow, Alexej Kassatonow

Länge: 76 Minuten

Verleih: Weltkino

Kinostart: 29. Januar 2015

Während des Kalten Krieges wurden Schlachten auf dem Eis geschlagen, die alle in die Sportgeschichte eingegangen sind. Es waren die Duelle der sowjetischen Eishockey-Nationalmannschaft mit dem Rest der Welt. Namen wie Makarow, Tretjak, Krutow oder Fetissow dürften auch heute noch den meisten Fans bekannt sein. Slawa Fetissow wird etwa nachgesagt, daß er rückwärts schneller Schlittschuh laufen konnte als viele andere vorwärts.

Gabe Polsky, Sohn russischer Einwanderer in die USA, gehört zu den Fans der Super-Teams und hat sich deshalb daran gemacht, hinter die Kulissen der Sportgeschichte zu schauen, und einen höchst kurzweiligen und informativen Dokumentarfilm gedreht. Es geht, und das ist leicht nachvollziehbar, in erster Linie um das sozialistische Sportsystem und die Menschen dahinter – Einblicke, die man hierzulande so präzise kaum zu sehen bekam. Denn, das war nicht nur Jubel, Glück und Gold, sondern ein brutales und manchmal auch trauriges Leben für die Spieler.

Begonnen hat das sowjetische Eishockey-Wunder Ende der 40erJahre mit dem Trainer des zentralen Armeesportclubs ZSKA Moskau, Anatoli Tarrasow, einem Schleifer, der dennoch auf ungewöhnliche Ideen kam, die die Fähigkeiten ständig erweitert haben. So besuchte er das Bolschoi-Ballett und beschäftigte sich mit Tanz allgemein, oder er brachte den Spielern Schach bei. Taktik, Bewegung gepaart mit Schnelligkeit und Präzision mußten sich seine Sportler verinnerlichen und umsetzen. ZSKA Moskau war die Kaderschmiede, sichtete landesweit Talente und bürdete den Eishockey-Cracks ein Dasein ohne großartiges Privatleben auf. Das Kollektiv war alles – das Individuum nichts. Tarrasow, von 1958 bis 74 auch Nationaltrainer im Rang eines Oberst, führte die Nationalmannschaft an die Weltspitze. Kanada war nun nicht mehr die Nummer 1.

Anatoli Tarrassow, auf Grund von Querelen, ebenfalls nicht mehr. Wiktor Tichonow löste ihn ab und machte danach eine beispiellose Karriere als erfolgreichster Nationaltrainer weltweit. Er kam vom KGB, war hoher Offizier und eiskalt. Private oder persönliche Belange seiner Stars interessierten ihn nicht. Als Slawa Fetissow den Wunsch äußerte, in der nordamerikanischen National Hockey-League NHL spielen zu wollen, drohte Tichonow mit Sibirien und ließ ihn erstmal von der Polizei aufs Revier schleppen und ihn dort verprügeln. Der Arm des Geheimdienstes war lang und solche Methoden kennt man aus irgendwelchen Mafia-Filmen. Etwa als der Spieler Andrei Chomutow zur Beerdigung seines Vaters fahren wollte, verweigerte Tichonow ihm das. Er müsse für das nächste Spiel trainieren, war die Begründung. Dafür regnete es Goldmedaillen und Titel bis Anfang der 90er Jahre.

Einzig 1980, bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid, gelang den US-Amerikanern der Olympiasieg. Sie gewannen 4:3 gegen den Titelverteidiger.

Reaktion der sowjetischen Sportführung: Die Nationalmannschaft wurde 11 Monate im Jahr kaserniert und mußten bis zur Erschöpfung trainieren. So eine Schmach durfte nicht mehr vorkommen.

Doch Anfang der 90er Jahre brach mit dem Sowjet- auch das Sportsystem zusammen und Eishockey-Cracks durften endlich noch einmal nach dem großen Geld greifen und in der NHL spielen – nicht ohne Hintergedanken. Denn gerade in dieser Zeit schielte die UdSSR auf westliche Devisen mit der Verpflichtung der Auslandslegionäre, einen Teil ihrer Gagen in die Heimat zu schicken.

So willkommen waren sie in Nordamerika nicht. Die körperlose Spielweise der Sowjets, ihr Teamdenken kamen schlecht an in der Liga der Individualisten. Für viele Vereinsfans waren sie nur Kommunisten, Rote. Die feindliche Einstellung änderte sich erst, als der alte erste Fünferblock mit Alexei Kasatonow, Sergei Makarow, Igor Larionow, Wladimir Krutow und Slawa Fetissow bei den den Detroit Red Wings wieder zusammenspielte, kamen auch gleichfalls die Erfolge: 2 x der Stanley Cup. Als Assistenztrainer für Fetissow später noch der dritte Cup.

Ihn zog es trotzdem wieder in die alte Heimat zurück, zu sehr hat er sich immer noch als Patriot gefühlt und avancierte zum Sportminister unter Wladimir Putin im neuen Russland. Er hat sich, trotz der vielen Widerstände, in seinem Leben immer wieder durchgesetzen können.

Diese Blicke, Rückblicke und Perspektiven hat Filmemacher Polsky mit schwarz-weißem und farbigen Archivmaterial, Interviews und Statements geschickt vermischt und dramatisch aufgebaut. Ihm gelang ein Spiegel der Nachkriegs- wie Sportgeschichte, die es so selten zu sehen gibt. Spannend, authentisch und informativ zugleich.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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