Gefühlt Mitte Zwanzig


Gefühlt Mitte Zwanzig - SquareOne Entertainment/Universum

Gefühlt Mitte Zwanzig – SquareOne Entertainment/Universum

Noah Baumbach beobachtet in seinem neuesten Film das Zusammentreffen zweier Paare und gleichzeitig Vertreter zweier Generationen in New York. Hipster und solche, die es immer noch sein wollen. Die einen, über 40, sind in der Midlife-Crisis, die andern, 20 Jahre jünger, haben mehr Deformationen vorzuweisen, als sie zugeben wollen oder können. Entspannte und kluge Komödie mit Ben Stiller und Naomi Watts über Jugendwahn, die auch ein paar Seitenhiebe Richtung Filmszene auszuteilen weiß

OT: While We’re Young

USA 2014

Buch + Regie: Noah Baumbach

Darsteller: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver, Amanda Seyfried, Adam Horovitz

Länge: 97 Minuten

Verleih: SquareOne Entertainment/Universum

Kinostart: 30. Juli 2015

Josh (Ben Stiller) und Cornelia (Naomi Watts) haben sich mit ihren vierzig Jahren und ein bißchen mehr in New York eingerichtet. Kein aufregendes Leben – besonders bei Josh. Er ist Dokumentarfilmer, eigentlich arbeitet er seit acht Jahren an einem Film-Projekt. In der Hauptsache unterrichtet er Film-Ästhetik an der Uni. Seine Frau produziert wenigstens Filme. Kinder haben sie keine. Die Träume bei Josh sind irgendwo steckengeblieben. Seine eigenen Ambitionen haben sich im Laufe der Zeit zu sehr erhöht. Freunde des Ehepaares haben sich dafür noch Kinderwünsche erfüllt oder wollen sie sich noch erfüllen und reden ständig vom Wickeln und dergleichen. Kurz, Josh und Cornelia sind in der Midlife-Crisis angekommen. Ein Paar der liberalen, intellektuellen Mittelschicht der Hudson-Metropole, das natürlich immer noch cool sein will. Die Kommunikationsgeräte mit dem berühmten Apfel haben in ihrem Haushalt schon längst Einzug gehalten. Aber irgendwie?

Bevor sie weiter über ihre Krise grübeln können, laufen ihnen zwei echte, junge Hipster über den Weg, Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried). Genauer gesagt, nach einer Vorlesung wird er von ihnen angesprochen. Sie seien Bewunderer seines ersten Films. Josh ist angetan vom hipsterischen Zuspruch und so bahnt sich eine Freundschaft an zwischen Vertretern zweier Generationen. Jamie plant im übrigen seinen ersten großen Dokumentarfilm, während Darby Eiscreme herstellt.

Die unbedarfte offene Ausstrahlung wirkt entwaffnend auf das ältere Paar. Als sie das Loft der Beiden sehen, sind sie baff. Die Wohnung ist voll mit Vinyl-Schallplatten, VHS-Kassetten, Brettspielen und mechanischen Schreibmaschinen. Echt retro. Lassen wir mal beiseite, daß es eigentlich für Leute mit einem offensichtlich schmalen Budget unmöglich ist, in New York ein dergleichen großes Loft zu finanzieren. Die ganze Ausstattung und das damit verbundene hippe Lebensgefühl entzücken Josh und Cornelia und verleitet sie, ebenso hippe Sachen zu machen. Josh hat seine Plattensammlung längst gegen CDs eingetauscht, versucht sich aber von nun an mit dem Fahrrad durch das Verkehrsgewühl zu schlängeln, kauft sich einen kleinen Fedora-Hut, Cornelia hoppst bei Hip-Hop-Kursen mit. Und der Film-Dozent bietet dem Film-Neuling seine Hilfe für das erste Projekt an. Auffrischungen können ja nur gut tun.

Noah Baumbach geht es in seiner Geschichte nicht nur um Selbstverleugnung beim Aufeinanderprallen der Generationen, sondern ebenso um das feinsinnige Beobachten eines nicht mehr ganz so taufrischen Mannes, der dagegen kämpft, aus der Zeit herauszufallen, anstatt sich selbst zu sein. Deformationen gibt es aber auch bei den Jüngeren, insbesondere, wenn es um moralische Fragen der Selbstvermarktung geht. Jamie sieht nämlich von Anfang an ein Konkurrenzverhältnis zwischen sich und Josh, und handelt stets berechnend. So wird er zum neuen Shootingstar der Dokufilm-Szene.

Mit humoriger Distanz, ohne Bösartigkeit, erzählt Baumbach diese Geschichte. Die Leichtigkeit hat er noch aus seiner letzten großartigen Komödie „Frances Ha“ herüber gerettet. Davor bei „Greenbaum“, ebenfalls mit Ben Stiller, hat dagegen zu viel Schwermut geherrscht. Und jetzt wird Stiller sogar versöhnlich, als er am Schluß verkündet: „Sie sind nicht böse. Sie sind nur jung.“

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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