Der Sommer mit Mama


Der Sommer mit Mama - Pandora Filmverleih

Der Sommer mit Mama – Pandora Filmverleih

Eine Dienstbotin und ihre reichen Arbeitgeber. Alles ist eingefahren wie die brasilianische Klassengesellschaft – bis die Tochter der Haushälterin kommt und die Hierarchie zum Einsturz bringt. Amüsant wie subtil erzählt und inszeniert von Anna Muylaert. In der Hauptrolle brilliert Brasiliens Star-Mimin Regina Casé

OT: Que Horas ela Volta?

Brasilien 2015

Buch + Regie: Anna Muylaert

Darsteller: Regina Casé, Camilla Márdila, Michel Joelsas, Karine Teles, Lourenco Mutarelli

Länge: 110 Minuten

Verleih: Pandora

Kinostart: 20. August 2015

Seit zehn Jahren arbeitet Val (Regina Casé) als Haushälterin bei einer reichen Familie in Sao Paulo. Resolut kümmert sie sich um Küche, Haus, Garten, Swimming Pool, ist allseits akzeptierte Ersatzmutter des inzwischen 17-jährigen Fabinho und pflegt außerdem Carlos, den kranken Herrn des Hauses. Sie weiß, was sie tun muß und wo ihre Grenzen sind. Und sie ist immer da, für alle. Sie gehöre ja praktisch zur Familie, verkündet die Hausherrin Dona Barbara, eine Karrierefrau, einmal. Man muß genau hinhören. Das Wort „praktisch“ heißt „beinahe“. Val weiß es. Die Grenzen zwischen oben und unten akzeptiert sie.

In der Familie selbst lebt anscheinend jeder für sich alleine, kommuniziert lieber mit dem Smartphone. Glücklich und ausgeglichen scheint keiner zu sein. Dieses komplizierte Gefüge schildert die brasilianische Filmemacherin Anna Muylaert heiter, aber mit viel Präzision. Ein Tagesablauf wie geschmiert. Die Kameraführung unterstreicht das. Klare Linien, Perpektiven, eine Bildebene, die bestens zeigt, wie die Tagesroutine abläuft. Vor allem aber wird die politische Ebene deutlich. Immer der Blick durch den Türspalt – drin die Hausherren, draußen die Domestikin. Das ständige Hin und Her verstärkt beim Hinsehen den Eindruck dieser Abhängigkeit.

Das wäre aber noch lange kein Grund, einen Film zu drehen. Wir nähern uns jetzt langsam einem Wendepunkt. Val deckt mit ihrer Emsigkeit konsequent etwas zu – nämlich ihre eigene Lebenslüge. Als sie ihre Heimat, den Norden Brasiliens, verlassen hatte, mußte ihre kleine Tochter Jéssica zurückbleiben. Seitdem haben sie sich nicht mehr gesehen. Nun taucht sie zu Vals Überraschung bei ihr auf, weil sie in Sao Paulo Architektur studieren will, vorher aber noch Aufnahme-Tests machen muß.

Jéssica (Camilla Márdila) ist ein taffer Teenager von 17 Jahren geworden, ein selbstbewußtes Mädchen, das weiß, was es will. Val hat das anfangs nicht erkannt und ist pikiert, ja erschrocken, daß Jéssica mit Unterwürfigkeit nichts am Hut hat, so etwas gar nicht akzeptieren kann. Und deshalb beschließt, nicht im engen Zimmer ihrer Mutter, sondern im großzügigen Gästezimmer der Hausbesitzer zu schlafen. Das Eis für Hausangestellte verschmäht Jéssica ebenfalls und bedient sich am Eis, das ihr am besten schmeckt. Dona Barbara ist darüber erst recht nicht amused, noch weniger darüber, daß sich Carlos und Fabinho in die junge Schöne verlieben. Dann springt Töchterlein in den Pool – welch ein Frevel.

Anna Muylaert inszeniert diesen beginnenden Einbruch des hierarchischen Gefüges mit leisem Humor, einer gewissen Leichtigkeit und einem unaufdringlichen sozialkritischen Touch. Die Dame des Hauses reagiert zunehmend verbissen und zickig, angesichts ihrer langsam bröckelnden Privilegien. Folglich rührt sich aufkommender Widerwillen bei Val. Ein entgegengesetzter Prozeß beginnt bei ihr – der sie zunehmend an die Seite Jéssicas rücken läßt. Und nicht nur das. Der Swimmingpool ist jetzt auch kein Tabu mehr.

Brasilien befindet sich im Umbruch. Muylaerts Film läßt uns auf charmant-humorige Weise einen liebevollen Blick darauf werfen. Die Spielfreude der Darstellerinnen, allen voran Regina Casé, läßt diesen Blick überdies äußerst kurzweilig wirken. Zum Dank dafür: Der Publikumspreis im Berlinale-Panorama-Wettbewerb.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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