Der Staat gegen Fritz Bauer


Der Staat gegen Fritz Bauer - Alamode Film

Der Staat gegen Fritz Bauer – Alamode Film

Die Nachkriegsgesellschaft der jungen Bundesrepublik möchte am liebsten gar nichts mehr wissen von den Nazi-Gräueltaten, in die sie ja zum großen Teil verwickelt war. Dennoch gab es einige unbeugsame, couragierte Menschen, die nach Gerechtigkeit suchten. Einer davon: Dr. Fritz Bauer – Hessischer Generalstaatsanwalt, Sozialdemokrat, Jude und langjähriger KZ-Häftling. Um diese bedeutsame Figur dreht sich der neue Film von Lars Kraume, kongenial gespielt von Burghart Klaußner. Fritz Bauer hat einen der zentralen Täter des Holocaust, den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann aufgespürt

Deutschland 2015
Regie: Lars Kraume
Buch: Lars Kraume, Olivier Guez
Darsteller: Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Götz Schubert, Jörg Schüttauf, Sebastian Blomberg, Lilith Stangenberg, Laura Tonke, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 1. Oktober 2015

Vor allem junge Menschen können sich das heute gar nicht mehr vorstellen, wie es in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft um ehemalige Widerstandskämpfer, Deserteure, oder andere, humanistisch gesonnene Geister, wie Oskar Schindler bestellt war. Sie wurden häufig als Vaterlandsverräter beschimpft und bedroht. Der braune Ungeist trieb sich noch lange im Lande herum – bis hinein in Ministerien, in das Gesundheitswesen, in Hochschulen, Schulen und nicht zuletzt in Polizei, Gerichte und Staatsanwaltschaften. Kommentar des damaligen Kanzlers Konrad Adenauer: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.“

Ehemalige NS-Karrieristen saßen also wieder an entsprechenden Schaltstellen der Macht und versuchten die braunen Verbrechen unter den Teppich zu kehren. Dr. Fritz Bauer, Jude, Sozialdemokrat und, trotz seiner jahrelangen KZ-Haft, ungebeugter, willensstarker Jurist, der sich gegen diese Restauration stemmt, wurde 1956 vom damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn zum Generalstaatsanwalt Hessens ernannt.

Zinn (Götz Schubert) ist einer der wenigen Freunde, die Bauer hat. Im Film wird ihm noch die fiktive Figur des jungen Staatsanwaltes Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) als Assistent zur Seite gestellt – ein ihm loyaler Nachwuchsjurist – gleichzeitig ein dramaturgischer Kniff von Regisseur Lars Kraume.

Der Rest von Bauers beruflichem Umfeld ist alles andere als vertrauenswürdig. Vor allem BKA-Mitarbeiter Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf) und Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) sind immer noch rührige Nationalsozialisten, die nur darauf warten, dem ihnen verhassten Generalstaatsanwalt ein Bein zu stellen.

Kraume verdichtet seine Handlung nun auf die Bemühungen Bauers, NS-Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen. Er hat Aufklärung im Sinn, weniger Rachegelüste. Eines Tages erhält er den entscheidenden Hinweis auf den Aufenthaltsort des ehemaligen SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann, dem Organisator der Judenvernichtung. Der soll in Argentinien leben.

Im Stil eines Politthrillers zeigt Kraume das tägliche Ringen des obersten hessischen Anklägers – das auch in sein Privatleben eindringt, seinen beharrlichen Kampf mit dem ihm feindseligen Umfeld, dem Einsetzen seiner ganzen Erfahrung, um Eichmann zu finden und seiner habhaft zu werden. Dafür geht er auch ungewöhnliche Wege, indem er den Kontakt zum israelischen Geheimdienst Mossad sucht. Denn er weiß, für Eichmann würde jede Anklage in der Bundesrepublik glimpflich verlaufen. Israel müßte der Ort eines Prozesses sein.

Burghart Klaußner erweist sich in der Rolle des bewundernswerten Juristen als kongenialer Darsteller. Er bringt sein ganzes Können an darstellerischen Ausdrucksformen ein: Mimik, Gestik, den Sprachduktus eines irgendwie noch in seiner
Heimat verwurzelten Schwaben. Vor allem vermittelt er glaubhaft Entschlossenheit, Willensstärke, List, Würde und immer wieder ein gewisses Maß an trockenem Humor.

Fritz Bauer hat danach in Frankfurt/Main den ersten Auschwitz-Prozess initiieren können, war doch die NS-Herrschaft für ihn nie ein Betriebsunfall der deutschen Geschichte. Und die Zukunft gestalten, hieß erst einmal die Vergangenheit zu bewältigen. Er hat seine eigene Isolation dafür in Kauf genommen und soll mal treffend geäußert haben: „In der Justiz lebe ich wie im Exil.“

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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