The Look of Silence


The Look of Silence - Koch Media

The Look of Silence –  Koch Media

Joshua Oppenheimer hat mit seinem Dokumentarfilm „The Act of Killing“ Aufsehen erregt. Darin erzählten die Täter prahlend von ihren Massakern 1965/66 an Oppositionellen in Indonesien. Mit der Fortsetzung „The Look of Silence“ gibt er Opfern jener Jahre eine Plattform. Ein mutiges Werk, das nur unter Zuhilfenahme allerlei Notfallmaßnahmen einigermaßen sicher produziert werden konnte

Dänemark/Indonesien/Finnland/Norwegen/Großbritannien/Israel/Frankreich/USA/
Deutschland/Niederlande 2014
Regie: Joshua Oppenheimer
Länge: 103 Minuten
Verleih: Koch Media
Kinostart: 1. Oktober 2015

Im Zweifelsfalle sind es Kommunisten und das sind sowieso keine Demokraten. Also konnten zur Zeit des indonesischen Diktators und Staatspräsidenten Suharto Menschen aller Couleur, wenn sie nur irgendwie verdächtig waren, getötet, abgeschlachtet und massakriert werden. Das 1965/66. Über eine Million Menschen wurden damals bestialisch umgebracht. Die Täter, meist Paramilitärs, sind nie bestraft worden. Sie leben noch heute unbehelligt unter der Bevölkerung. Und den Schulkindern wird nach wie vor beigebracht, wie heldenhaft die Todesschwadronen waren – und wie böse Kommunisten schlechthin. Verdächtige, dazu gehörten Gewerkschafter oder chinesische Migranten, waren im Zweifelsfall immer Kommunisten.

Diesmal ist aber nicht Oppenheimer der Interviewer, sondern Adi, ein 40-jähriger Einheimischer aus Nord-Sumatra, dessen Bruder Ramli in den blutigen Wirren jener Tage ums Leben kam – durch Machetenhiebe. Gemeinsam mit dem Regisseur gehen sie auf Spurensuche. Die ist recht kurz. Denn die Mörder wohnen im selben Dorf. Adi kennt sie. Er hat für den einen oder anderen schon eine Brille angefertigt. Er arbeitet als Optiker. Dieser Sachverhalt macht es ihm leichter auf Menschen zuzugehen – viele der damaligen Täter sind angesehene Leute. Und auf den Genozid angesprochen, geraten sie ins Prahlen – wie schon im ersten Film zu diesem Thema: „The Act of Killing.“

Sie erzählen – ähnlich wie in der ersten Dokumentation Oppenheimers – freimütig und offen über ihre Gräueltaten. Monatelanges Abschlachten, wie hält man das aus? „Wir haben immer das Blut der Opfer getrunken, sonst wären wir wahnsinnig geworden.“ Unvorstellbar.

All das geht in der Banalität des heutigen Alltags unter – und ist nach wie vor da. Als Adi einmal höflich, wie immer, etwas hartnäckiger nachfragt, wird ihm schon unterschwellig gedroht. Er solle nicht solche tiefgründigen Fragen stellen. Und woher er überhaupt komme? Die Gespenster von damals könnten zurückkehren.

So ist ständig eine wachsende Spannung zu spüren, eine intensive Spannung, und Geschichte wird allmählich spürbar. Nur verstehen tun wir sie nicht. Wer kann das schon? Ohne die Bewältigung dieser schauderhaften Geschichte geht das offensichtlich nicht.
Auch wenn das gar nicht im Sinne von US-Konzernen wäre – denn die profitierten in dieser Zeit davon. Diverse Verstaatlichungspläne der Linken waren somit vom Tisch.

Wir können nach Ansicht des verstörenden Films nachvollziehen, daß die im Lande vorherrschende Stille – der Opfer-Familien, wie der Täter – aufgebrochen werden muß. Dann darf es auch mal still sein, wenn Brillen angepaßt werden müssen, wie es Optiker Adi nach wie vor tut – dieser, trotz allem Leid, freundliche Mann aus Nord-Sumatra, und damit gleichzeitig: Mehr Licht in das Sehvermögen bringen, und scharf stellen, damit man, wenn es sein muß, überallhin einen Blick riskieren kann.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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