A Perfect Day


A perfect Day - X-Verleih

A perfect Day – X-Verleih

Wie kann man in unmenschlichen, kriegerischen Zeiten sich noch ein Stück Menschlichkeit bewahren? Das versucht der spanische Regisseur Fernando León de Aranoa mit seiner Kriegsgroteske „A perfect Day“ auszuloten. Dazu braucht er ein gutes Drehbuch – das hat er selbst geschrieben. Gute Darsteller – hat er, mit Tim Robbins und Benicio del Toro an der Spitze. Und, das haben sie bestens herübergebracht: Dialoge voller Absurditäten, viel diskretem Humor und feiner Ironie

Spanien 2015
Buch + Regie: Fernando León de Aranoa
Darsteller: Benicio del Toro, Tim Robbins, Olga Kurylenko, Mélanie Thierry, Fedja Stukan, Sergi Lopez
Länge: 106 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 22. Oktober 2015

Jugoslawien 1995 – Bosnien-Herzegowina. Der Krieg ist noch nicht entgültig vorbei, es wird gerade an Friedensvereinbarungen gebastelt. Neben UN-Blauhelmeinheiten sind noch diverse nichtstaatliche Hilfsorganisationen vor Ort (gedreht wurde übrigens in Südspanien). Eine davon ist „Aid across borders“. Ein Team mit vier internationalen Aktivisten und einem Dolmetscher kümmern sich um die Trinkwasserversorgung in dieser wild anmutenden Berglandschaft. Drei Brunnen gibt es dort, zwei sind vermint – und einer ist, tja, blockiert mit einer Leiche. Übergewichtig ist sie auch noch und beim hochziehen reißt das Seil.

Jetzt wird es problematisch. An sich sollte doch solch ein Gebrauchsgegenstand irgendwo aufzutreiben sein. Angesichts der drohenden Seuchengefahr ist Eile nötig. Und die Akteure scheuen auch keine Mühe, ein Seil zu finden. Teamchef Mambrú (Benicio del Toro), hat dergleichen Aktionen zur Genüge mitgemacht, weiß aber um die Unwägbarkeiten, die auf sie zukommen. Entsprechend wirkt er ziemlich desillusioniert, will sich dennoch nie unterkriegen lassen. Kollege B. (Tim Robbins) ist eher der Zyniker, versucht aber äußerlich möglichst gelassen zu sein. Außerdem die Novizin Sophie (Mélanie Thierry, noch voller Idealismus, und die Controllerin Katya (Olga Kurylenko – war mal Bond-Girl)), Mambrús Ex. Ausgerechnet sie taucht jetzt auf, um die Arbeit des Teams zu bewerten. Der mitfahrende Dolmetscher Damir (Fedja Stukan) ist eher verwirrt, denn er will es allen recht machen.

Ein Seil hat sich immer noch nicht gefunden. Stattdessen sehen wir verwüstete Orte, kahle, verkarstete Landschaften und verbitterte Menschen. Und hin und wieder mal eine tote Kuh, die auf den Serpentinen liegt. Anlaß zu Spekulationen: Links herum, rechts herum oder lieber über das tote Tier hinweg. In diesem Film starren Männer auf Kühe. Der Grund für diese Strategien: Unter der Kuh könnten Minen sein. Kaum haben sie die Situation überlebt, kommt eine Straßensperre in Sicht.

Ein Seil schließlich, ist mit einer Flagge verbunden – gibt der Wachsoldat nicht heraus. Das zweite Seil, das sie auftreiben kriegen sie nicht, weil es den Soldaten aus politischen Gründen nicht passt. Dann ist da noch ein Seil – aber an dem ist ein bissiger Hofhund befestigt. Absurditäten, wo man hinschaut, die sich einfach aus den Gegebenheiten eines verwüsteten Spannungsgebietes entwickeln, aus der latent vorhandenen Gefahr in dieser spürbaren Endzeit-Atmosphäre.

Dann der kleine Nicola, der zu seinem Großvater soll, weil es dort angeblich sicherer sei, und der sich einen Ball wünscht. Auch die Erfüllung dieses kleinen Wunsches, wird zu einer Plackerei a la Sisyphos. Gewiss ist nur, dass seine Eltern ermordet wurden in dem zerstörten Haus mit dem bissigen Hund.

Endlich findet sich das lang ersehnte Seil – um sogleich die Protagonisten in die Querelen mit Blauhelm-Soldaten zu verwickeln. Zuständigkeiten führen eher in ein bürokratisches Wirrwarr, als alles, was mit so etwas wie Vernunft zu tun hat. Zivilisten dürfen Leichen nicht anfassen. Und die UN-Soldaten wollen es offensichtlich nicht – obwohl sie dürften. Wenn das Wetter nicht auch mal die Ereignisse forcieren würde, was dann?

Aus dieser grotesk-surrealen Sichtweise eröffnet sich oftmals ein viel durchdringender Blick auf Krieg und seine Folgen, als durch einen rein dokumentarisch angelegten Film. Unsere humanitären Akteure haben bei ihrem sinnlosen Tun letztlich nur eine Waffe: Bissiger Sprachwitz – direkt in die Augen schauen – und weitermachen. Das beweist menschliche Größe und daran reibt sich der undergroundige Soundtrack mit The Ramones, The Velvet Underground und Marilyn Manson recht wirkungsvoll.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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