Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne


Madame Maguerite - Concorde Filmverleih

Madame Maguerite – Concorde Filmverleih

Xavier Giannolis Film über eine reiche Frau, die nicht singen kann, aber unbedingt will, ist eine Parabel über Selbstüberschätzung, Heuchelei und wahre Kunst. So einen Fall gab es wirklich und war erwartungsgemäß nicht von Erfolg gekrönt. Da fällt manche Möchtegern-Diva tief – und Catherine Frot spielt diese Rolle ganz hervorragend

OT: Marguerite
Frankreich/Tschechien 2015
Regie: Xavier Giannoli
Buch: Xavier Giannoli, Marcia Romano
Darsteller: Catherine Frot, André Marcon, Michel Fau, Christa Théret, Denis Mpunga, Sylvain Dieuaide
Länge: 129 Minuten
Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 29. Oktober 2015

Frankreich 1920. Der Erste Weltkrieg ist vorbei. Da ist die Gesellschaft dankbar, wenn Benefiz-Abende veranstaltet werden, für Kriegswaisen zum Beispiel. Baronin Maguerite Dumont (Catherine Frot) macht das gerne, ist sie doch reich und hat einen attraktiven Veranstaltungsort zu bieten: Ein Schloss in der Nähe von Paris. Einige talentierte Nachwuchssänger sind eingeladen, ein kleines Orchester ist bereit. Als Höhepunkt plant sie ihren eigenen Auftritt mit einer Opern-Arie aus Mozarts „Königin der Nacht“. Sie liebt nämlich Opern über alles.

Nun das Peinliche. Madame kann gar keinen richtigen Ton singen, es hört sich nur schräg und so daneben an, daß es fast schon körperlich weh tut. Dennoch lassen sich die meisten der geladenen Gäste nichts anmerken. Als Gegenmittel stehen edle Speisen und Getränke auf den Tischen. Diese Heuchelei der ach so feinen Pariser Gesellschaft ist ebenfalls peinlich. Ihr Mann Georges macht dabei gar nicht erst mit, sondern täuscht jeweils einen kleinen Autoschaden vor (immer an der gleichen Stelle) – eine passende Entschuldigung, um dem Drama nicht beiwohnen zu müssen.

Andere Gäste versuchen ihren eigenen Profit daraus zu schlagen. Lucien, ein junger Kulturjournalist etwa, schreibt einen schmeichelhaften Artikel über die Möchtegern-Diva, und schleppt sie dann in die alternativ-anarchistische Künstlerszene von Paris. Da wo sich DaDa, Jazz und Kabarett trifft. Madame Dumont ist begeistert, sorgt aber für einen unfreiwilligen Eklat, der sie zur Persona non grata in der Gesellschaft macht. Sie zerfetzt nämlich die französische Nationalhymne – ohne es natürlich zu merken – und sorgt nebenbei für die akustische Begleitung einer blutigen Bilderschau aus dem Krieg.

Madame fühlt sich dagegen erst recht ermutigt, nach höheren Zielen Ausschau zu halten. Ihr schwebt ein großer Solo-Abend in der Pariser Oper vor. Und ein abgehalfterter Sänger soll sie trainieren – für viel Geld. Der einzige Grund, mitzuspielen: Er kann’s brauchen, seine Schulden sind zu hoch. Und das Drama nimmt seinen Lauf. Maguerite sieht nur ihre Leidenschaft, ihre Talentlosigkeit überhaupt nicht. Sie mietet sich einfach das ehrwürdige Opernhaus, das tatsächlich ausverkauft sein wird … .

Catherine Frot gibt diese von Selbstüberschätzung, Selbstleugnung, Leidenschaft und Willen geprägte Frau, in der eine unfreiwillige Witzfigur steckt, fein nuanciert, einfühlsam und ohne jegliche Andeutung von Lächerlichkeit oder Banalität.

Xavier Giannoli hat sich dafür von einer historischen Nervensägen-Figur inspirieren lassen: Florence Foster Jenkins, eine US-Millionärin, die so eine schlechte Stimme hatte, daß zahlreiche Fans sie nur zum Amüsement sehen wollten. In den 1940er Jahren mietete sie sich für einen Solo-Auftritt den großen Saal in der New Yorker Carnegie Hall. Eine Woche später starb sie durch einen Herzinfarkt.

Catherine Frot sollte jedenfalls ihre bis dato einmalige Rolle genießen. Stephen Frears hat nämlich schon ein US-Remake gedreht – mit Meryl Streep als Florence Foster Jenkins.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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