Die Schüler der Madame Anne


Die Schüler der Madame Anne - Neue Visionen Filmverleih

Die Schüler der Madame Anne – Neue Visionen Filmverleih

Manchmal glückt so etwas in der Realität. Einer Schulklasse in den Pariser Banlieues gelingt es, über den eigenen Schatten zu springen und erfolgreich an einem landesweiten Geschichts-Wettbewerb zum Thema Holocaust teilzunehmen. Bei der Verflmung des Stoffes von Marie-Castille Mention-Schaar kommt der Rolle der Klassenlehrerin eine besondere Bedeutung zu. Sie überzeugt vor allem durch Willenstärke, Überzeugungskraft und Charisma

OT: Les Héritiers
Frankreich 2014
Regie: Marie-Castille Mention-Schaar
Buch: Marie-Castille Mention-Schaar, Ahmed Dramé
Darsteller: Ahmed Dramé, Ariane Ascaride, Noémie Merlant, Geneviève Mnich, Stéphane Bak, Wendy Nieto, Aimen Derriachi
Länge: 105 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Kinostart: 5. November 2015

Aus den Banlieues, den Pariser Vororten, hört man meist schlechte Nachrichten. Dass es auch positives zu vermelden gibt, erzählt uns der Film „Die Schüler der Madame Anne“ von Marie-Castille Mention-Schaar. Glücksfall für die Regisseurin/Autorin: Ein realer, ehemaliger Schüler, Ahmed Dramé, hat am Drehbuch mitgearbeitet und für Authentizität gesorgt, in dem er eine Rolle übernahm. Die Geschichte ist im großen und ganzen so abgelaufen.

In der 11. Klasse des Léon-Blum-Gymnasiums des Vorortes Créteil machen sich die Schüler, meistens Migranten-Kinder, nichts vor. Sie sehen mit ihrem Abitur-Zeugnis keinerlei Zukunftsperspektiven und verhalten sich entsprechend phlegmatisch, gelangweilt bis aggressiv. Eine Problemklasse, wie man sie sich gemeinhin vorstellt.

Das sieht die neue Klassenlehrerin Anne Gueguen (Ariane Ascaride) anders. Damit bekommt der Film gleichzeitig eine neue Richtung und die gereizte Stimmung, inklusive Null-Bock-Haltung, in der Klasse wird durchbrochen, indem sie von Anfang an gewisse Grundregeln aufstellt, an die sich alle zu halten haben. Und indem sie ihre Schüler, die sie in Geschichte und Geographie unterrichtet, gleichzeitig mit Respekt behandelt.

Die Persönlichkeit dieser selbstbewussten Frau ist der eigentliche Knaller der Geschichte. Sie glaubt an etwas, hat nicht wie viele ihrer Kollegen resigniert, und packt nun ein Projekt auf den Tisch, bei dem der Schuldirektor zuallererst wegrennen würde. „Doch nicht mit dieser Klasse“, verkündet er. Madame Gueguen hat genau diese Klasse, der keiner mehr etwas zutraut, bei einem renommierten nationalen Geschichts-Projekt angemeldet. Thema: „Kinder und Jugendliche im System der Konzentrationslager der Nazis“. Das kann ja nur ein Scherz sein, ist der allgemeine Tenor.

Für die Klassenlehrerin nicht. Mit Beharrlichkeit bringt sie ihre, zuerst störrischen Schüler dem zu bearbeitenden Thema näher, besucht mit ihnen eine Faschismus-Ausstellung im Museum, und organisiert eine nachhaltige Begegnung mit einem Zeitzeugen. Léon Zyguel war 15 Jahre alt, als er mit seinem Bruder und seinem Vater ins KZ deportiert wurde. Er hat als einziger der Familie überlebt. Ein einschneidendes und emotionalisierendes Erlebnis für die Schüler, die begreifen, daß es noch etwas wichtigeres gibt, als die täglichen kleinen Scharmützel: Menschliche Würde – und dass sie immer wieder von Neuem dafür eintreten und gegen Rassismus zusammenhalten müssen. Dies bedeutet natürlich die dramatische Zuspitzung der Handlung, die sein muss (und in der Wirklichkeit auch so war), um das Gefühl der Solidarität und der Verantwortung einzubinden. Dramaturgisch eine Möglichkeit – die den Handlungsverlauf aber stark vorhersehbar macht.

So läuft der bisher dritte Spielfilm von Marie-Castille Mention-Schaar auf einem schmalen Grat zwischen (überraschender) Realität und Sozialkitsch entlang. Erfreulicherweise ist niemand dabei abgestürzt.

Heinz-Jürgen Rippert

Advertisements

Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s