Die Hälfte der Stadt


Die Hälfte der Stadt - Real Fiction Filmverleih

Die Hälfte der Stadt – Real Fiction Filmverleih

Was aus der polnischen Stadt Kozienice in den letzten 100 Jahren geworden ist, untersucht Regisseur Pawel Siczek anhand der Hinterlassenschaft des jüdischen Fotografen Chaim Berman. Damit wird eine längst vergessene Welt wieder lebendig, die von einem friedlichen Miteinander von Polen, Juden, Deutschen und Russen geprägt war. Dieser halb dokumentarische, halb animierte Film unterstreicht gleichzeitig die alte Einsicht, Geschichte zu kennen, um eine Zukunft aufbauen zu können

OT: Half the Town
Deutschland 2015
Buch + Regie: Pawel Siczek
Zeichnungen: Agnieszka Kruczek, Dorota Gorski
Länge: 86 Minuten
Verleih: RFF Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 5. November 2015

Es ist eigentlich ein schwieriges Unterfangen, eine Stadtgeschichte wie die von Kozienice an der Weichsel zu rekonstruieren. Für den Regisseur Pawel Siczek, dessen Familie aus dieser Gegend stammt, war eine bis dato unbekannte Sammlung von Fotos des ehemals dort ansässigen Fotografen Chaim Berman der Schlüssel zur Vergangenheit. Gleichzeitig vermittelt das Leben des jüdischen Künstlers und Lokalpolitikers viel über das einst friedliche Zusammenleben verschiedener Volksgruppen.

Pawel Siczek, der sein Studium der Dokumentarfilm-Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen München absolvierte, hat lange nach Zeitzeugen und Zeugnissen in der ländlichen Gegend Polens an der Weichsel suchen müssen. Es ist die Heimat seiner Vorfahren und deswegen wert, intensiv vor Ort zu recherchieren. Dabei stieß er auf einen fotografischen Schatz: Rund zehntausend Portraits auf Glasnegativen. Urheber war der polnisch-jüdische Fotograf Chaim Berman, geboren 1890, der das Fotografenhandwerk von seinem Vater erlernte.

Jahrzehntelang blieben sie unentdeckt, ein ehemaliger Nachbar hat den empfindlichen Nachlass vor der Zerstörung bewahrt, in dem er ihn auf seinem Dachboden trocken lagerte. Zu sehen sind die Gesichter von Menschen dieser Region aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Etwa 6000 Juden lebten bis zum deutschen Überfall auf Polen in der Kleinstadt Kozienice, dazu 4000 Polen und kleine Minderheiten von Russen und Deutschen. Es war bis dahin eine friedlich Welt, die schließlich vernichtet wurde. So wird die Biographie Chaim (auf Deutsch – Leben) Bermans und sein fotografisches Werk zur Basis von Siczeks dokumentarische Rekontruktion, bei der ihm wenige, noch lebende Zeitzeugen zur Seite standen. Außerdem begleitet er einen jungen, polnischen Fotografen und dessen Partnerin auf Motivsuche in dem Städtchen, das wichtige Kultureinrichtungen wie das Schloss und das Archiv während der deutschen Besatzung verloren hat.

Als Brücke zwischen Interviews und Fotosichtung dienen kleine szenische Animationen, naiv gezeichnet, aber dennoch recht nahegehend. Sie hauchen etwas Leben ein, und verzahnen so Vergangenheit und Gegenwart. Spürbar bleibt der Verlust einer zerstörten Kultur vor allem durch den Eindruck der vielen Portraits auf den alten Fotos. Dieser sinnliche Eindruck wirkt hoffentlich noch lange nach.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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