Virgin Mountain


Virgin Mountain - Alamode Film

Virgin Mountain – Alamode Film

Ein melancholisch-lakonischer Film ist Dagur Kári gelungen, mit einem Anti-Helden als Helden sinnbildlich einen Berg zu versetzen. Denn Fúsi ist alles andere als ein typischer Kino-Held und schafft doch das Unmögliche: Er kommt endlich, nach über vierzig Jahren, in die Gänge und springt über den eigenen Schatten

OT: Fúsi
Island/Dänemark 2014
Buch + Regie: Dagur Kári
Darsteller: Gunnar Jónsson, Ilmur Kristjánsdóttir, Sigurjòn Kjartansson, Franziska Una Dagsdóttir, Margrét Helga Jóhannsdóttir, Arnar Jónsson
Länge: 94 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 12. November 2015

Island ist in Dagur Káris Film alles andere als das grandios inszenierte, optische Highlight. Unsere Geschichte spielt in einer flach-öden, langweiligen Kulisse und in der Tristesse am Rande Reykjaviks. Opulente Landschaftsaufnahmen haben in dieser winterlichen Geschichte nichts zu suchen – bis auf eine einzige Einstellung. Dagegen ist die Hauptfigur opulent – rein von der Körpermasse her. Fúsi heißt er, ist Mitte vierzig, lebt noch bei seiner Mutter, arbeitet in der Gepäckabfertigung des Flughafens und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit der Nachstellung großer Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Emotionaler Höhepunkt seines Privatlebens: Abends mal zum Hafen zu fahren, einen befreundeten Radio-Moderator anrufen und sich ein Wunsch-Heavy-Metal-Stück vorspielen lassen.

Im übrigen ist Fúsi schüchtern, gutmütig und hilfsbereit, wird folglich oft von seinen Kollegen ausgenutzt und gemobbt – wirklich ein Anti-Held und als Frauenschwarm nicht besonders geeignet. Das ist seiner Mutter egal. Mit ihrem aktuellen Liebhaber versucht sie Fúsi für neue Aktivitäten zu begeistern, damit er endlich eine passende Frau findet und auszieht. Also bekommt er zum Geburtstag einen Tanzkurs geschenkt, der ihn allerdings gar nicht interessiert. Dass er ein einsamer Außenseiter ist, spürt instinktiv ein kleines Mädchen, das mit ihrem Vater neu in das Haus der Siedlung eingezogen ist. Sie wundert sich nur, dass Fúsi keine Spielsachen für Mädchen hat und ihr Vater verdächtigt ihn, ein möglicher Pädophiler zu sein. Alles Dinge, die Fúsi nicht versteht.

Also, noch einmal hin zum Tanzkurs. Und tatsächlich, ein wenig Sonnenschein wartet auf ihn. Sjöfin (Ilmur Kristjánsdóttir), genauso innerlich erstarrt, möchte von dem Muttersohn mit dem großen Herzen nach Hause gefahren werden. Es ist stürmt und schneit nämlich. Mit dem angebotenen Kaffee weiß er nichts anzufangen – er mag keinen
Kaffee, dafür Milch.

Das ist der Beginn der mühsamen, aber beharrlichen Emanzipation von seelischer Bewegungslosigkeit. Ein kleines Wunder, das in dem bewegungsfreudigen Line-Dance-Kurs schon ein äußerliches Sinnbild gefunden hat. Man kann diesem universellen Porträt eines introvertierten, aber sich innerlich aus der Erstarrung lösenden Außenseiters nur mit großer Sympathie, und der Präsenz des Selfmadeschauspielers Gunnar Jónsson mit Bewunderung begegnen.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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