Das brandneue Testament


Das brandneue Testament - NFP

Das brandneue Testament – NFP

Aus Brüssel können auch herrlich inkorrekte und abgrundtief-witzige Geschichten kommen – sagte sich jedenfalls der belgische Filmemacher Jaco van Dormaels und läßt den lieben Gott nicht mehr lieb sein, sondern als garstigen Haus- und Welttyrannen auftreten. Wieder mal eine Paraderolle für den Filmkomiker Benoit Poelvoorde

OT: Le tout noveau Testament
Belgien/Frankreich/Luxemburg 2014
Regie: Jaco van Dormael
Buch: Jaco van Dormael, Thomas Gunzig
Darsteller: Benoit Poelvoorde, Catherine Deneuve, Francois Damiens, Yolande Moreau, Pili Groyne, Romain Gelin, Marco Lorenzini
Länge: 116 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 3. Dezember 2015

Der belgische Drehbuchautor und Regisseur Jaco van Dormaels hat einfach das „lieber“ gestrichen und Gott mit dem Prädikat „gehässiger“ verbunden. Dann wohnt der Allmächtige auch noch in einer schäbigen Dreizimmerwohnung mit Frau und kleiner Tochter, die er, besonders im betrunkenen Zustand, drangsaliert. Schlechte Laune ist sein Markenzeichen. Und die Wohnung hat keine Haustür.

Und dieser miesepetrige Tyrann soll Gott sein? Ist er – mit einem, nicht der neusten Generation angehörendem Computer sitzt er im Hinterzimmer und denkt sich immer neue Regeln aus, die den Menschen das Leben schwer machen. Schlampig, ungepflegt, im alten Bademantel. Seine Frau (Yolande Moreau) hat schon lange vor dem Choleriker resigniert, nur seine 10-jährige Tochter Éa (Pili Groyne) will diesem Proleten die Stirn bieten und knöpft sich in einem geeigneten Augenblick mal seinen alten Computer vor.

Sie schickt damit allen Menschen ihr jeweiliges Todesdatum per SMS, kontaktiert Jesus Christus, der als kleine Holzfigur auf dem Schrank steht und ihr den Rat gibt, noch sechs weitere Apostel zu suchen. Dann verschwindet Éa durch den „Geburtskanal“ und landet im Chaos des Alltags. Um in den „Geburtskanal“ zu kommen, muss sie zuerst durch eine bestimmte Waschmaschine krabbeln, die an einen endlosen Schlauch gekoppelt ist – und in Brüssel endet.

Das Chaos, das durch ihre weltweite SMS-Aktion noch größer geworden ist, führt dazu, dass die Menschen ihre Kriege beenden und noch etwas Positives in ihrem Dasein suchen. Éa macht sich auf die Suche nach ihren sechs Apostel-Kandidaten, deren Namen und Adressen auf Karteikarten stehen, die sie willkürlich aus den Kästen gezogen hat. Achtzehn Apostel wären das dann – achtzehn Mann hat ein Baseball-Team. Und ihre Mutter liebt diesen Sport.

Kurz darauf lernt Éa den Clochard Vincent (Marco Lorenzini) kennen – er weiß nichts von seinem Todeszeitpunkt, er macht sich nämlich nichts aus Handys – der das brandneue Testament aus den Lebensschilderungen der sechs neuen Apostel aufschreiben soll. Wir erfahren trauriges, schräges, komisches, absurdes aus dem Leben von sechs Außenseitern, wobei das aus der Bahn geworfene Liebesleben einer gelangweilten reichen Ehefrau (Catherine Deneuve) in einem Verhältnis mit einem Riesengorilla gipfelt, direkt schon surrealistische Züge annimmt.

Den Film als Spielwiese für allerlei tiefgründig-philosophische Betrachtungen zu sehen, wäre eher unpassend für Jaco van Dormaels cineastischer Machart. Eine Spielwiese ist das allerdings schon, viel Blödsinn, verrückte Gags, liebevoll inszeniert, mit dem Fokus darauf, wie wir mit unserer Zeit auf Erden umgehen und was wir daraus machen. Van Dormael hat sich mit genauem Blick für Details einige Inspirationen bei Monty Python und den Filmen von Jean-Pierre Jeunet – „Delicatessen“, „Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Micmacs“ – geholt, aber einen anderen, einen respektloseren, inkorrekten Ton gewählt und dabei nie menschliche Aspekte vergessen.

Dafür wurde sein „brandneues Testament“ immerhin als „Beste Komödie“ für den Europäischen Filmpreis nominiert.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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