Dämonen und Wunder – Dheepan


Dämonen und Wunder - Dheepan - Weltkino

Dämonen und Wunder – Dheepan – Weltkino

Drama, Thriller, Sozialstudie, Psychogramm: „Dheepan“ zeigt ungeschminkt die Realität von Flüchtlingsschicksalen. Der französische Regisseur Jacques Audiard hat für seinen spannenden und berührenden Film über die Flucht und das Ankommen dreier Tamilen in Frankreich die diesjährige Goldene Palme von Cannes erhalten

OT: Dheepan
Frankreich 2015
Regie: Jacques Audiard
Buch: Noé Debré, Thomas Bidegain, Jacques Audiard
Darsteller: Jesuthasan Anthonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithambry, Vincent Rottiers, Marc Zinga, Bass Dhem, Franck Falise
Länge: 115 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 10. Dezember 2015

Ein Bürgerkriegsgebiet weit weg von derzeit im Fokus stehenden, aktuellen Konflikten ist Sri Lanka. Die Tropeninsel wird seit der britischen Kolonialzeit von der singhalesischen Bevölkerungsgruppe beherrscht. Die ethnische Minderheit der Tamilen wurde unterdrückt und an den Rand gedrängt – ein Grund für den seit Jahrzehnten schwelenden Bürgerkrieg in dem kleinen Staat südöstlich von Indien. Regierungstruppen gingen mit aller Härte und Brutalität gegen tamilische Zivilisten vor und zeigten sich auf Dauer auch den militanten Guerillatruppen „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ überlegen.

Jacques Audiard begleitet in seinem Film Dheepan, einen tamilischen Kämpfer, der seine Uniform verbrennt und nichts mehr zu tun haben will mit dem sinnlosen Morden. Dargestellt wird er von einem authentischen Darsteller, dem tamilischen Schriftsteller Jesuthasan Antonythasan, der selbst einmal als Kindersoldat diesen Krieg mitmachen musste, bevor er nach Frankreich floh.

Eine Flucht nach Frankreich verspricht mehr Erfolg, wenn Dheepan mit Familie unterwegs ist. Da er keine hat, muss eine „Familie“ mit gefälschten Identitäten her. Mit einer ihm fremden Frau und einem willkürlich dazugeholten Waisenmädchen werden vor Ort die Papiere ausgestellt. Die Daten stammen von Menschen, die bereits tot sind.

Eine Desillusionierung wird bei der neuen „Familie“ durch eine andere ersetzt. Als sie in Frankreich angekommen sind, landen sie nämlich in der Trostlosigkeit der Banlieue. Dheepan versucht es zuerst als Straßenverkäufer, bekommt dann einen Job als Hausmeister. Die Drei kriegen eine schäbige Wohnung zugewiesen, was nicht weiter auffällt, denn die ganze Umgebung macht einen schäbigen Eindruck. Die zuständigen Behörden interessiert das jedoch nicht, eine Einstellung, die für alle Cités rund um Paris gilt, schlimmer noch die Gleichgültigkeit gegenüber den krimininellen Machenschaften der dort ansässigen maghrebinischen Drogenbanden.

Dheepan hat sich gerade in seinen neuen Job eingearbeitet, gelernt, dass er die Post nicht nach Vornamen sortieren kann, sondern nach Familiennamen. Seine Frau Yalini pflegt einen allein lebenden, alten, dementen Mann in der Nähe und die kleine Illayal besucht einen Sprachkurs in der Schule – ihr erster Schulbesuch überhaupt. Alle drei klammern sich an eine vage Hoffnung auf eine friedliche Zukunft, versuchen deshalb die bedrohliche Realität in Frankreich zu verdrängen.

Was aber auf Dauer nicht gelingt. Sie sind längst in einen anderen Krieg verwickelt, ohne es zu wollen, einen Territorialkampf zwischen den afrikanischen Banden. In Dheepan regen sich langsam wieder alte Verhaltensmuster, die er als Milizoffizier in Sri Lanka verinnerlicht hat. Er will unbedingt verhindern, dass diese (seine) Ordnung nicht auch noch zerstört wird und – sieht Rot, wird zum Amokläufer und möchte die Hölle, die er nie mehr wollte, zerstören. Schonungslos.

Jacques Audiard hat die explodierende Verzweiflung ohne wenn und aber, realistisch und ungeschminkt erzählt. Aus dem Sozialdrama ist schließlich ein brutaler Thriller geworden. Dämonen – aus Sri Lanka importiert – kommen, wie der vielzitierte Geist, erneut aus der Flasche. Wunder, wie der deutsche Titel optimistisch ankündigt, haben in Audiards Meisterwerk keine Chance.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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