Mistress America


Mistress America - 20th Century Fox

Mistress America – 20th Century Fox

Neurosen in New York – jedoch nicht von Woody Allen. Noah Baumbach schickt nach dem Erfolg von „Frances Ha“ wieder Greta Gerwig Uptown wie Downtown, diesmal in Farbe und entwirft erneut eine sehenswerte, rasante Screwball-Komödie. Zwei zukünftige Stiefschwestern voller Hoffnungen und Illusionen und die Fallstricke der Realität

USA 2015
Regie: Noah Baumbach
Buch: Noah Baumbach, Greta Gerwig
Darsteller: Greta Gerwig, Lola Kirke, Matthew Shear, Jasmine Cephas Jones, Heather Lind,Michael Chemus, Cindy Cheung, Kathryn Erbe, Dean Wareham
Länge: 84 Minuten
Verleih: 20th Century Fox
Kinostart: 10. Dezember 2015

Greta Gerwig und Noah Baumbach. Sie sind schon längere Zeit ein Paar, genauer gesagt, seit „Greenberg“. Greta ist Noahs Muse und Partnerin bei ihren gemeinsamen Projekten. Sie entwerfen zusammen Geschichten für Drehbücher, die sie Generationenporträts verstehen. Etwas verrückte Figuren passen in das Screwball-Konzept, das naturgemäß komödiantisch sein sollte.

Greta Gerwig kann das, aber zuvor sehen wir die junge Studienanfängerin Tracy (Lola Kirke), die sich von New York ein hippes Leben erhofft, bisher sich aber recht einsam fühlt. Freunde finden ist schwierig, in den Literatur-Zirkel reinzukommen, noch schwieriger. Tracy studiert nämlich Literaturwissenschaft und möchte Schriftstellerin werden. Dann kommt der Anruf ihrer Mutter mit der Nachricht, dass sie wieder heiraten will. Der Zukünftige hat auch eine Tochter, Brooke, etwa zehn Jahre älter als Tracy. Sie sollten sich doch einmal kennenlernen.

Nun treffen die Vertreterinnen fast zweier Generationen aufeinander. Greta Gerwig als Brooke gefällt sich in der Rolle der hippen, aufstrebenden, jungen Frau, die weiß, wie das so läuft in der Weltstadt. Tracy ist sich noch nicht ganz bewußt, was echt oder nicht echt ist an Brookes Auftreten. Bewunderung dominiert anfangs bei ihr. Brooke hat ja einiges am Laufen, Fitnesstrainerin, Inneneinrichterin, Nachtclubsängerin und möchte demnächst ein eigenes Restaurant aufmachen. Jedenfalls plappert sie die ganze Zeit von ihren Plänen und flaniert unbekümmert mit ihrer Stiefschwester in spe über den Times Square.

Das schöne daran ist die Erinnerung an „Frances Ha“, an die liebenswürdig-chaotische Greta Gerwig, mit Francis als eine Art Seelenverwandte zu Brooke. Aufgedreht und beschwingt bewegt sie sich jetzt und die Dialoge sind geschliffen. Beispiel: „Ich bin auch Innenarchitektin. Im Laserhaarentfernungscenter stammt das Wartezimmer von mir.“ Temporeich geht es zu und komisch. Tracy ist allerdings nicht zu unterschätzen. Sie schreibt alles wichtige auf, um es eventuell literarisch zu verwenden. Vielleicht ahnt sie schon erwas von der Tragik, die diese Selfmade-Frau umweht. Brooke ist bereits hoch verschuldet. Von Psychotherapien hält sie nichts – sie weiß ja schon alles über sich. Ein künstliches Konstrukt in einer vom Erfolgshype heimgesuchten Gegenwart.

Höhepunkt der Geschichte: Ein Besuch bei dem Ex von Brooke und seiner neuen Partnerin, die jetzt Brookes Katzen hat. Sehenswert an diesem Besuch in Connecticut ist der bühnenteife Auftritt Brookes in der modernen, lichtdurchfluteten Villa mit ihrem stufenförmigen Inneren – ideal für ein Theater um die Finanzierung ihres Restaurants. Der Hausherr ist aber wenig geneigt, da noch Geld zu investieren. Für diesen Zweck ist Brooke, seiner Meinung nach, zu flatterig und zu inkonsequent. Sie sollte ihre Träume lieber begraben und hätte als Gegenleistung keine Schulden mehr.

Da sind sie nun, die Gewinner und Verlierer, Liebenswürdigkeit hin oder her, die einen haben ihr Geld gut angelegt, die anderen rennen immer noch hinterher, haben nicht realisiert, dass der brutale Raubtierkapitalismus für Träumer und Idealisten nichts übrig hat. Darin liegt die Tragik von Brooke. Tracy dagegen, die introvertierte Anfängerin, hat ihre Talente und Fähigkeiten in eine Kurzgeschichte mit Brooke als Hauptfigur gesteckt. Der Titel: „Mistress America“. So kann man auch mit dem zweifelhaften Zeitgeist umgehen.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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