Die Kinder des Fechters


Die Kinder des Fechters - Zorro Filmverleih

Die Kinder des Fechters – Zorro Filmverleih

Wie kann man Kinder, die nicht viel haben, zu Selbstvertrauen und Ehrgeiz motivieren? Ein Fechtsportler, der vor Stalins Schergen geflohen ist, hat das geschafft, indem er als Sportlehrer einer Schulklasse seinen Sport beibringt. Eine wahre Geschichte aus Estland Anfang der 50er Jahre. Wahr ist auch, daß Regisseur Klaus Härö damit schon seine vierte Nominierung als finnischer Kandidat für den Auslands-Oscar erhalten hat

OT: Miekkailija
Estland/Deutschland/Finnland 2015
Regie: Klaus Härö
Buch: Anna Heinämaa
Darsteller: Märt Avandi, Ursula Ratasepp, Lembit Ulfsak, Hendrik Toompere, Jaak Prints, Egert Kadatsu, Ann-Lisett Rebane
Länge: 90 Minuten
Verleih: Zorro Filmverleih
Kinostart: 17. Dezember 2015

Estland, Anfang der fünfziger Jahre. Eine kleine Stadt an der Ostsee. Haapsalu heißt sie. Die Menschen machen zumeist einen ärmlichen Eindruck. Man spürt die bedrückende Atmosphäre überall. Der Krieg ist noch nicht lange vorbei, viele Waisenkinder gehen zur Schule und Stalins Macht ist allgegenwärtig.

Eines Tages tritt der junge Endel Nelis (Märt Avandi) seine neue Stelle als Sportlehrer in der örtlichen Schule an. Eine eher schweigsame und beherrschte Figur, wie auch in dem ganzen Film selten gelacht wird. Überbordende Emotionen sind kaum vorhanden. Was weder die Kinder noch die Bewohner wissen: Endel ist aus Leningrad vor der sowjetischen Geheimpolizei geflohen, weil er im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht eingezogen wurde. Haapsalu ist für ihn ein (vorläufiges) Versteck, so hofft er jedenfalls.

Mit den Schulkindern hat er anfangs Probleme, weil er es nie gelernt hat, mit kleinen und verhärmten Menschen umzugehen. Zu seinen Pflichten gehört es, einen Sportclub für die Schüler zu organisieren. Das einzige was Endel sehr gut beherrscht, ist das Fechten. In Leningrad genoss er nämlich eine Ausbildung an einer Elite-Sport-Universität und unterrichtete dort.

Wir kennen das aus anderen Filmen, etwa „Die Schüler der Madame Anne“, „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ oder „Der Club der toten Dichter“. Einzelne couragierte Lehrer vermögen einem Haufen Kindern oder Jugendlichen etwas beizubringen, das ihnen mehr gibt als alle bürokratischen Lehrpläne und autoritären Erziehungsmethoden zusammen – nur mit einer Disziplin, einem Projekt, einer Idee. Bei Endel ist es das Fechten.

Und langsam gewinnt der Film an Konturen sowie an Fahrt. Denn die Schüler finden Interesse an dieser Sportart. Ein Fechtclub wird gemäß den Vorschriften gegründet, allerdings fehlen noch Schutzanzüge und Sportwaffen. Dafür ist kein Geld vorhanden. Mit notdürftig zusammengestecktem Material muß Lehrer Endel erst einmal improvisieren – und sich außerdem mit dem mißtrauischen und ideologisch eingenordeten Schuldirektor auseinandersetzen. Der hält Fechten für einen „aristokratischen“ Sport. Was weder die Schüler noch deren Eltern oder Verwandte verstehen können. Bei einer Anhörung gibt einer von ihnen dem Direktor zu verstehen, dass Karl Marx selbst gerne in seiner Jugend gefochten hat. Am nächsten Morgen wird der alte Mann von der Geheimpolizei abgeholt.

Trotz dieser Repressalien lassen sich Lehrer Endel und seine Schüler nicht unterkriegen. Das wird alles in ruhigen Bildern erzählt, fast unspektakulär. Wie ganz nebenbei bringt ein alter Freund Endels vorschriftsmäßige Schutzkleidung, Masken und Fechtwaffen mit und das Selbstvertrauen der Kinder wächst wie die Begeisterung. So wird einer größeren Herausforderung der Boden bereitet: Dem großen Landesturnier in Leningrad. Die Kinder wollen teilnehmen – aber Endel weiß, fährt er wieder dort hin, wird er verhaftet. Andererseits gibt es unter diesen Bedingungen keine bessere Möglichkeit für die jungen Menschen, als die Herausforderung anzunehmen. Einen besseren Traum haben sie derzeit nicht. Und Endel kann sie nicht im Stich lassen – auch wenn seine neue Freundin, die Kollegin Kadri, große Angst um ihn hat.

Statt auf ein rein filmisches Ende hinzuweisen, sollte man einmal einen Blick in die tatsächliche Biographie des Fechtlehrers werfen. Den von ihm gegründeten estnischen Fechtclub gibt es heute noch und Endel Nelis (1925 – 1993) hat noch so manche Fechter zu Weltmeistern gemacht.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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