Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen


Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen - X-Verleih/Warner Bros.

Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen – X-Verleih/Warner Bros.

In Zeiten, in denen festgefügte Gesellschaftsbilder sich aufzulösen beginnen und neue Feindbilder ins Auge gefaßt werden, ist die französische Komödie „Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen“ auch eine Antwort. Eine bizarre vielleicht, aber nicht unbedingt verkehrt. Auf der Basis eines Genres ohne festgefügte Strukturen können sich ganz neue Sichtweisen entwickeln. Und Spaß macht dieser Film außerdem – wenn man sich darauf einlassen kann

OT: Je suis à vous tout de Suite
Frankreich 2015
Regie: Baya Kasmi
Buch: Baya Kasmi, Michel Lederc
Darsteller: Vimala Pons, Mehdi Djaadi, Agnès Jaoui, Ramzy Bedia, Laurent Laurent Capelluto, Claudia Tagbo, Camélia Jordana, Anémone
Länge: 100 Minuten
Verleih: X-Verleih, Warner Bros. Pictures
Kinostart: 14. Januar 2016

Zu Beginn von Baya Kasmis Film weiß man eigentlich noch nicht richtig, ob man diesen Film unbedingt sehen muss. Eine junge Frau verlässt ein Krankenhaus, nachdem eine Untersuchung positiv verlaufen ist: Sie kommt als Nierenspenderin für ihren Bruder in Frage. Vor der Klinik läuft Hanna (Vimala Pons), so heißt sie, einem jungen Arzt in Arme, der behauptet, dass sie mal zusammen auf der Schule waren. Nervig, aufdringlich ist er, eigentlich kein Sympathieträger. Da möchte man am liebsten das Kino wieder verlassen.
Der arme Paul, also dieser Arzt, erfährt, per Handy vom Tod seiner Mutter und Hanna fährt ihn nach Hause.

aus: Mademoiselle Hanna un die Kunst Nein zu sagen - X-Verleih/Warner Bros.

aus: Mademoiselle Hanna un die Kunst Nein zu sagen – X-Verleih/Warner Bros.

Sie geht mit dem aufdringlichen, unglücklichen Mann schnell noch ins Bett, denn Hanna kann nicht nein sagen. Ihre Vorliebe für ganz kurze Röcke und High-Heals verleiht ihr ein äußerst verlockendes Sex-Appeal. Das nutzt sie ebenfalls für die negativen Seiten ihres Jobs – als Personalleiterin. Leider muß sie ständig Mitarbeiter entlassen und kann gar nicht in die traurigen Gesichter schauen. Zum Trost gibt es eine heiße, erotische Stunde und schon hellen sich die Mienen der Rausgeworfenen wieder auf. Die Kandidaten dürfen das gewissermaßen als Entschädigung ansehen.

Hanna muss das von ihren Eltern haben. Ihre Mutter Simone (Agnès Jaoui) gibt Gratis-Psychoanalyse-Sitzungen für die Nachbarn im vorstädtischen Kiez und ihr Vater (Ramzi Bedia), algerisch-stämmig, der einen Tante-Emma-Laden betreibt, tut alles für seine multikulturelle Kundschaft – und wenn er noch drauf zahlen muss. Bis hierhin schon eine recht unkonventionelle Familie.

Es kommt aber noch schräger. Hannas jüngerer Bruder (Mehdi Djaadi), den sie in ihrer Kindheit vor den Zumutungen und Aggressionen im Kiez beschützt hat, ist heute streng gläubiger Moslem mit Frau und Kind, und hat sich in Hakim umbenannt. Wegen ihres lockeren Lebenswandels verachtet er inzwischen seine Schwester und lehnt sie als Nierenspenderin kategorisch ab. Wir befinden uns mittlerweile in einem klassischen Geschwisterkonflikt. Im Grunde herrscht unter den Protagonisten eine Hilflosigkeit, die Hakim nur zu überwinden sucht, indem er mit seiner Familie nach Algerien ausreist – obwohl er das Land überhaupt nicht kennt, geschweige schon einmal dort war.

Die ebenfalls algerisch-stämmige Filmemacherin Baya Kasmi versucht dennoch Kurs zu halten, indem sie Szenen aus der Vergangenheit hineinmontiert, also erhellende Erklärungsmuster präsentiert, manches grotesk überzeichnet und den Humor nie verliert. Das verschafft ihrem Film immer ein gewisses und notwendiges Maß an Leichtigkeit. Dadurch verstehen wir auch allmählich, warum Hanna eine derart sexuelle Uneigennützigkeit an den Tag legt. Und wir verstehen auch, dass im Grunde die französische Gesellschaft gemeint ist, wenn es im Film um die Zerrissenheit der beiden Geschwister geht.

Und finden es dann doch erfreulich, dass wir uns auf den Film eingelassen haben.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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