Die andere Seite der Hoffnung


Die andere Seite der Hoffnung – Pandora Film

Ob das wirklich der letzte Film von Aki Kaurismäki ist, wie er verkündet hat, bleibt abzuwarten. Zumindest bekommt man mit „Die andere Seite der Hoffnung“ einmal mehr einen typischen Kaurismäki. Flüchtlinge und Mitmenschlichkeit im Umgang mit Migranten hat er märchenhaft und voller Lakonie thematisiert. Wenig Worte und illustrative Bilder ergänzen sich zu einer ausdrucksstarken künstlichen Welt. Dafür gab es den Silbernen Bären für die beste Regie auf der diesjährigen Berlinale

OT: Toivon Tuolla Puolen

Finnland 2017

Buch + Regie: Aki Kaurismäki

Darsteller: Sherwan Haji, Sakari Kuosmane, Ilkka Koivula, Janne Hyytiäinen, Nuppu Koivu, Kaija Pakarinen, Niroz Haji, Simon Hussein Al-Bazoon, Kati Outinen

Länge: 98 Minuten

Verleih: Pandora Film Verleih

Kinostart: 30. März 2017

Nach „Le Havre“ ist es der zweite Film des finnischen Regie-Altmeisters, der sich mit dem Schicksal von Geflüchteten auseinandersetzt. Er bleibt nach wie vor seiner Devise treu, Außenseitern ein Gesicht zu geben und in seinen Geschichten zu erzählen, wie schwierig es ist, einen Platz, mag er noch so klein sein, in der Gesellschaft zu finden. Mit seinen trocken melancholischen und lakonischen Dialogen und den wie abwesend agierenden Figuren schafft er einen ganz eigenen, mit der Realität bissigen Umgang.

Die andere Seite der Hoffnung – Pandora Film

Der Kaurismäkische Kosmos wird stets von der typischen Blau- und Braunfarbigkeit dominiert, die sein Stammkameramann Timo Salminen auf 35 mm gebannt hat. Alleine daran erkennt man einen zeitlosen Film des eigenwilligen Regisseurs. Und an der Musik, die den akustischen Rahmen, ob nun mit Rock ’n‘ Roll oder Tango, bildet. Von daher weiß man nach spätestens zehn Minuten, wer Regie geführt hat, Listen über den Stab braucht man eigentlich nicht. Genauso wenig wie über die Darsteller. Sakari Kuosmane, Janne Hyytiäinen, Nuppu Koivu oder Kati Outinen gehören zum Stamm der eingesetzten Mimen. Längst vertraute Mienen für die Fans.

Die andere Seite der Hoffnung – Pandora Film

Nun also der Sprung von Le Havre zurück nach Finnland, einem Land, das ähnlich wie Resteuropa von Hass, bürokratischer Engstirnigkeit, Gewalt und Gleichgültigkeit heimgesucht wird. Kaurismäki widert das an, wie er bereitwillig bei Interviews äußerte. Zu sagen hat er immer etwas über die soziale Realität, die jeweils den Kern seiner Utopien befeuert.

Das Schicksal zweier Hauptfiguren bilden das Rückgrat seines neusten Werks. Versteckt unter Kohlen kommt der Syrer Khaled (Sherwan Haji) im Hafen von Helsinki an. Er ist auf der Flucht vor den Kriegswirren in Aleppo, hat aber unterwegs seine Schwester aus den Augen verloren. Er will Asyl beantragen, Hauptsache erstmal Frieden. Dann ist da der von der Midlife-Crisis betroffene Wikström (Sakari Kuosmane), der bisher als Vertreter für Oberhemden gearbeitet hat und nun ein Restaurant betreiben will. Seiner alkoholkranken Frau hat er den Ehering auf den Tisch gelegt. Sie reagiert mit einem weiteren Schluck aus der Wodkaflasche. Er sucht eine Pokerrunde auf und gewinnt – das Geld, das er für sein Restaurant braucht. Es heißt „Zum Goldenen Krug“. Khaled verliert. Sein Asyl-Antrag wird abgelehnt mit der Begründung, dass Syrien sicher sei. In den Büros der Polizei stehen im übrigen noch Schreibmaschinen auf den Tischen.

Im Hinterhof des Lokals, bei den Mülltonnen, treffen die beiden Flüchtlinge, Wikström ist natürlich auch einer – mit Hoffnung auf einen Neubeginn, aufeinander. Die Fäuste fliegen, jeder bekommt einen Haken. Dann sitzen sie drin am Tisch und Khaled bekommt einen Teller Suppe. Diese Details machen Kaurismäkis Filme aus. Minimalismus pur eben.

Wikström hat dagegen Pech beim Publikum mit seiner Speisekarte. Fleischklopse und Hering scheinen nicht mehr In zu sein. Also japanisch – Sushi läuft vielleicht besser. Im „Goldenen Krug“ erlebt die Belegschaft, bestehend aus altgedienten Darstellern, den Genuss von Solidarität. Und Khaled erhält auch einen kleinen Job.

Als Beispiele für die Absurditäten der Welt sei auf eine Nachrichtensendung im Fernsehen hingewiesen, mit einem Bericht über die tatsächlichen Brutalitäten in Syrien, sowie auf eine Begebenheit bei einer Kontrolle des Restaurants durch die Gesundheitsbehörde. Khaled wird mitsamt kleinem Hund des Besitzers in der Toilette eingeschlossen. Als er wieder befreit wird, verkündet der Syrer, er habe dem Tierchen inzwischen etwas Arabisch beigebracht. Daraufhin sei der Kleine zum Islam konvertiert, der Buddhismus ist wohl doch nicht das Richtige gewesen.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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