Der legendäre Kameramann Michael Ballhaus ist tot


Nachruf

Er gilt als Erfinder des „Ballhaus Kreisels“, führte eine bewegliche, lebendige Kameraufnahmetechnik in die Filmkunst ein, drehte mit Rainer Werner Fassbinder, Peter Lilienthal, John Sayles, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und war einer der wenigen Deutschen, die sich in Hollywood etablieren und Karriere machen konnten. Nun ist der Filmkünstler, wie er sich selbst bezeichnete, im Alter von 81 Jahren nach kurzer Krankheit am 12. April in Berlin gestorben

Michael Ballhaus – Copyright Martin Kraft – gestaltungsKraft

Seine fantastische Bildsprache hat Michael Ballhaus im Laufe seiner Karriere entwickelt und sah sich deshalb mehr als Filmkünstler, denn als Kameramann. Für ihn war die Regie der Bild- und Lichtführung das gestaltende Element der Filmkunst schlechthin. Deshalb konnte er sich als das „fliegende Auge“ einen weltweit geachteten Namen machen.

Das kam nicht von ungefähr. Denn die Basis seiner Kenntnisse, Erfahrungen, visuellen Einschätzungen und Ideen hat Ballhaus schon früh und solide geschaffen. Seine Eltern hatten in Franken ein Theater und agierten als Bühnenschauspieler. Eine Chance für den damaligen Schüler, sich als Bühnenfotograf auszuprobieren.

Nach dem Abitur folgte eine Fotografenausbildung und dann der Sprung zum Südwestfunk, wo er zum Chefkameramann avancierte. Zur Filmbranche war es dadurch nicht mehr weit. Erste Filme mit Hark Bohm, Peter Lilienthal und schließlich 15 Streifen mit Rainer Werner Fassbinder. In „Martha“ probierte Ballhaus zum ersten Mal den Kreisel mit der Kamera um 360 Grad aus. Diese Bewegungen um Personen herum, mit ihnen oder über der Szenerie faszinierten ihn und er perfektionierte die Vorgänge nach und nach. Auch das Licht prägt und gestaltet die Geschichte, die der Künstler – nach seiner Meinung – vorher schon im Kopf haben sollte.

Die fabelhaften Baker Boys – Michelle Pfeiffer, Jeff Bridges – Tobis Film

In den achtziger Jahren ging Michael Ballhaus in die USA und lernte dort die Größen des Filmgeschäfts kennen: Martin Scorsese, Francis Ford Coppola oder Robert Redford. Aus den gemeinsamen Projekten sind Filmjuwelen entstanden. Etwa „Quiz Show“ mit Redford, „Outbreak“ mit Wolfgang Petersen, „Die Zeit nach Mitternacht“, „Die Farbe des Geldes“, „Good Fellas“, „Zeit der Unschuld“, „Gangs of New New York“, „Departed – Unter Feinden“ mit Scorsese (insgesamt 7 Filme), „Bram Stoker‘ s Dracula“ mit Coppola. Aber auch Independent-Produktionen wie „Die fabelhaften Baker Boys“ mit Steve Kloves, die er zu einem visuellen Meisterwerk gestaltete. Oder die „Mambo Kings“ mit Arne Glimcher“. Deshalb konnte er sich unter der Berufsbezeichnung Bildregisseur ein internationales Renommee erschaffen.

Ein Beispiel für den visuellen Sog, den eine perfekte Bildinszenierung hervorbringt – viele Zuschauer werden das vielleicht noch im Kopf haben – ist der Kamerakreisel bei der Piano-Szene mit Michelle Pfeiffer und Jeff Bridges in „Die fabelhaften Baker-Boys“. Sie singt „Makin‘ Whoopee“, räkelt sich im langen, hochgeschlitzten, roten Kleid auf dem Flügel, die Kamera fährt langsam um sie und den Pianisten herum, das Licht mal klar, mal rauchig, gegen Ende des Songs steigt sie neben Bridges herunter und lehnt sich mit dem Rücken an ihn. Da knistert was ganz intensiv, die Bildinszenierung läßt einen das spüren. Der gesungene Klassiker bildet das I-Tüpfelchen.

Für diesen Film um zwei Barpianisten, gab es eine Oscar-Nominierung für Ballhaus, eine von dreien. „Nachrichtenfieber“ und „Gangs of New York“ waren die beiden anderen. 2007 hat er dann – als erster Deutscher – den Preis für sein Lebenswerk von der American Society of Cinematographers erhalten.

Der grüne Star, sein Damoklesschwert, fiel allmählich auf ihn herab. Die totale Erblindung drohte. Der Filmkünstler hatte allerdings noch einige Zeit, um dem Nachwuchs in den Filmstudiengängen, etwa in Hamburg, handwerkliches Können beizubringen. Nebenbei hat er sich mit seinem „Ballhaus-Projekt“ für den Klimaschutz engagiert.

Der Grandseigneur der internationalen Filmbranche war ein liebenswürdiger, charmanter Mensch – der Autor hat ihn selbst einmal bei einer Veranstaltung in Hamburg erlebt – der in seiner ruhigen Art vor gar nicht langer Zeit äußerte: „Alles hat seine Zeit. Und diese Zeit ist vorbei. Ich traure dieser Zeit nicht mehr nach. …“.

Heinz-Jürgen Rippert

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