Der legendäre Kameramann Michael Ballhaus ist tot

Nachruf

Er gilt als Erfinder des „Ballhaus Kreisels“, führte eine bewegliche, lebendige Kameraufnahmetechnik in die Filmkunst ein, drehte mit Rainer Werner Fassbinder, Peter Lilienthal, John Sayles, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und war einer der wenigen Deutschen, die sich in Hollywood etablieren und Karriere machen konnten. Nun ist der Filmkünstler, wie er sich selbst bezeichnete, im Alter von 81 Jahren nach kurzer Krankheit am 12. April in Berlin gestorben

Michael Ballhaus – Copyright Martin Kraft – gestaltungsKraft

Seine fantastische Bildsprache hat Michael Ballhaus im Laufe seiner Karriere entwickelt und sah sich deshalb mehr als Filmkünstler, denn als Kameramann. Für ihn war die Regie der Bild- und Lichtführung das gestaltende Element der Filmkunst schlechthin. Deshalb konnte er sich als das „fliegende Auge“ einen weltweit geachteten Namen machen.

Das kam nicht von ungefähr. Denn die Basis seiner Kenntnisse, Erfahrungen, visuellen Einschätzungen und Ideen hat Ballhaus schon früh und solide geschaffen. Seine Eltern hatten in Franken ein Theater und agierten als Bühnenschauspieler. Eine Chance für den damaligen Schüler, sich als Bühnenfotograf auszuprobieren.

Nach dem Abitur folgte eine Fotografenausbildung und dann der Sprung zum Südwestfunk, wo er zum Chefkameramann avancierte. Zur Filmbranche war es dadurch nicht mehr weit. Erste Filme mit Hark Bohm, Peter Lilienthal und schließlich 15 Streifen mit Rainer Werner Fassbinder. In „Martha“ probierte Ballhaus zum ersten Mal den Kreisel mit der Kamera um 360 Grad aus. Diese Bewegungen um Personen herum, mit ihnen oder über der Szenerie faszinierten ihn und er perfektionierte die Vorgänge nach und nach. Auch das Licht prägt und gestaltet die Geschichte, die der Künstler – nach seiner Meinung – vorher schon im Kopf haben sollte.

Die fabelhaften Baker Boys – Michelle Pfeiffer, Jeff Bridges – Tobis Film

In den achtziger Jahren ging Michael Ballhaus in die USA und lernte dort die Größen des Filmgeschäfts kennen: Martin Scorsese, Francis Ford Coppola oder Robert Redford. Aus den gemeinsamen Projekten sind Filmjuwelen entstanden. Etwa „Quiz Show“ mit Redford, „Outbreak“ mit Wolfgang Petersen, „Die Zeit nach Mitternacht“, „Die Farbe des Geldes“, „Good Fellas“, „Zeit der Unschuld“, „Gangs of New New York“, „Departed – Unter Feinden“ mit Scorsese (insgesamt 7 Filme), „Bram Stoker‘ s Dracula“ mit Coppola. Aber auch Independent-Produktionen wie „Die fabelhaften Baker Boys“ mit Steve Kloves, die er zu einem visuellen Meisterwerk gestaltete. Oder die „Mambo Kings“ mit Arne Glimcher“. Deshalb konnte er sich unter der Berufsbezeichnung Bildregisseur ein internationales Renommee erschaffen.

Ein Beispiel für den visuellen Sog, den eine perfekte Bildinszenierung hervorbringt – viele Zuschauer werden das vielleicht noch im Kopf haben – ist der Kamerakreisel bei der Piano-Szene mit Michelle Pfeiffer und Jeff Bridges in „Die fabelhaften Baker-Boys“. Sie singt „Makin‘ Whoopee“, räkelt sich im langen, hochgeschlitzten, roten Kleid auf dem Flügel, die Kamera fährt langsam um sie und den Pianisten herum, das Licht mal klar, mal rauchig, gegen Ende des Songs steigt sie neben Bridges herunter und lehnt sich mit dem Rücken an ihn. Da knistert was ganz intensiv, die Bildinszenierung läßt einen das spüren. Der gesungene Klassiker bildet das I-Tüpfelchen.

Für diesen Film um zwei Barpianisten, gab es eine Oscar-Nominierung für Ballhaus, eine von dreien. „Nachrichtenfieber“ und „Gangs of New York“ waren die beiden anderen. 2007 hat er dann – als erster Deutscher – den Preis für sein Lebenswerk von der American Society of Cinematographers erhalten.

Der grüne Star, sein Damoklesschwert, fiel allmählich auf ihn herab. Die totale Erblindung drohte. Der Filmkünstler hatte allerdings noch einige Zeit, um dem Nachwuchs in den Filmstudiengängen, etwa in Hamburg, handwerkliches Können beizubringen. Nebenbei hat er sich mit seinem „Ballhaus-Projekt“ für den Klimaschutz engagiert.

Der Grandseigneur der internationalen Filmbranche war ein liebenswürdiger, charmanter Mensch – der Autor hat ihn selbst einmal bei einer Veranstaltung in Hamburg erlebt – der in seiner ruhigen Art vor gar nicht langer Zeit äußerte: „Alles hat seine Zeit. Und diese Zeit ist vorbei. Ich traure dieser Zeit nicht mehr nach. …“.

Heinz-Jürgen Rippert

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A United Kingdom

A United Kingdom – Alamode Film Verleih

London 1947. Eine englische Büroangestellte lernt einen afrikanischen Studenten kennen. Der Beginn einer großen Liebe. Und gleichzeitig der Anfang eines Kampfes um diese Liebe und nicht nur darum. Der junge Mann stammt nämlich aus Bechuanaland (dem heutigen Botswana) und soll dort den Thron einnehmen. Das kleine Land im südlichen Afrika ist britisches Protektorat, wo die Apartheid genauso herrscht wie im angrenzenden Südafrika. Diplomatische Querelen sind vorprogrammiert. Es geht schließlich um Rohstoffe – und um eine wahre, fast märchenhafte Geschichte

Großbritannien/Tschechien 2016

Regie: Amma Asante

Buch: Guy Hibbert

Darsteller: David Oyelowo, Rosamund Pike, Jack Davenport, Tom Felton, Terry Pheto, Laura Carmichael, Jessica Oyelowo

Länge: 111 Minuten

Verleih: Alamode Film

Kinostart: 30. März 2017

Es beginnt mit einem Tanzabend. Swing wird gespielt und die Londoner Büroangestellte Ruth Williams (Rosamund Pike) lernt den Jura-Studenten Seretse Khama (David Oyelowo) kennen. Eigentlich wollte Ruth nur ihre Schwester Muriel (Laura Carmichael) zu dieser Veranstaltung begleiten und ist dabei ihrer großen Liebe über den Weg gelaufen, dem zukünftigen Regenten von Bechuanaland, dem heutigen Botswana.

A United Kingdom – Alamode Film Verleih

Die Hindernisse, die auf Ruth und Seretse zukommen, haben beide nicht absehen können. Rassismus im Londoner Alltag mit Pöbeleien und Beleidigungen. Das kommt einem doch irgendwie aktuell vor. Wir befinden uns aber hier im auslaufenden vierten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts und das British Empire beginnt langsam zu bröckeln, anders ausgedrückt, Großbritannien schwimmen allmählich die Felle weg. Die Weltlage ändert sich und die Regierung wertet es als diplomatische Provokation, wenn sich eine gemischt-rassige Ehe von dieser Tragweite anbahnt. Und Ruths Vater bricht mit seiner Tochter.

Denn gerade ein Jahr vorher, 1948, ist das Apartheid-System im benachbarten Südafrika installiert worden. Großbritannien ist nämlich von den dortigen Bodenschätzen abhängig. Bechuanaland hat den Status eines britischen Protektorates. Diplomatische Querelen bis hin zu Intrigen auf höchster Ebene sind also vorprogrammiert. Ruth und Seretse bekommen das bitter zu spüren, mit allen Mitteln versuchen die arroganten Machtinhaber, ihre Ziele durchzusetzen.

A United Kingdom – Alamode Film Verleih

Umgekehrt ist die Situation auch nicht besser. Das Paar wird feindselig in Seretses Heimat empfangen und sein einflussreicher Onkel Tshekedi Khama versucht die geplante Thronfolge zu hintertreiben. Es ist dem feinfühligen Geschick von Ruth zu verdanken, dass sie den umgekehrten Rassenhass dort allmählich abbauen und eine Akzeptanz bei der Bevölkerung aufbauen kann. Auf Privilegien wollen sie sogar verzichten. Damit gewinnt ihr Mann ebenfalls den Respekt seiner Landsleute. Sie unterstützen ihn bei der Abstimmung über die Zukunft – sehr zum Ärger seines Onkels, der sich nun zurückzieht.

Die Briten versuchen das Paar zu trennen. Seretse wird nach London beordert, wo man ihm eröffnet, seine Heimat fünf Jahre nicht mehr betreten zu dürfen. Er geht an die Öffentlichkeit und gewinnt einen Teil der Abgeordneten und kann Bechuanaland sogar die Schürfrechte für eventuelle Bodenschätze sichern und darf zudem für eine Woche nach Hause fliegen. Dort gelingt es ihm, sich wieder mit seinem Onkel versöhnen, weil er auf die Thronfolge verzichtet, und dadurch im Land bleiben kann. Ministerpräsident wird er dafür künftig sein und mit Ruth vier Kinder haben.

Klingt wie ein Märchen, ist aber keins. Der afrikanisch-stämmigen Engländerin Amma Asante („Dido Elizabeth Belle“) ist es vielmehr gelungen, eine historische Begebenheit mit einer tatsächlichen privaten Ebene zu verbinden. Konventionell gestrickt, solide gemacht, aber von unprätentiösen und hervorragenden Schauspielern wie David Oyelowo und Rosamund Pike getragen. Die verschiedenen Spannungskurven wie auch die emotionalen Schwankungen haben gerade sie wunderbar austarieren können. Ein Melodram voller Romantik, Leid und Triumph oder anders formuliert, ein Film für Herz und Hirn.

Heinz-Jürgen Rippert

 

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Die andere Seite der Hoffnung

Die andere Seite der Hoffnung – Pandora Film

Ob das wirklich der letzte Film von Aki Kaurismäki ist, wie er verkündet hat, bleibt abzuwarten. Zumindest bekommt man mit „Die andere Seite der Hoffnung“ einmal mehr einen typischen Kaurismäki. Flüchtlinge und Mitmenschlichkeit im Umgang mit Migranten hat er märchenhaft und voller Lakonie thematisiert. Wenig Worte und illustrative Bilder ergänzen sich zu einer ausdrucksstarken künstlichen Welt. Dafür gab es den Silbernen Bären für die beste Regie auf der diesjährigen Berlinale

OT: Toivon Tuolla Puolen

Finnland 2017

Buch + Regie: Aki Kaurismäki

Darsteller: Sherwan Haji, Sakari Kuosmane, Ilkka Koivula, Janne Hyytiäinen, Nuppu Koivu, Kaija Pakarinen, Niroz Haji, Simon Hussein Al-Bazoon, Kati Outinen

Länge: 98 Minuten

Verleih: Pandora Film Verleih

Kinostart: 30. März 2017

Nach „Le Havre“ ist es der zweite Film des finnischen Regie-Altmeisters, der sich mit dem Schicksal von Geflüchteten auseinandersetzt. Er bleibt nach wie vor seiner Devise treu, Außenseitern ein Gesicht zu geben und in seinen Geschichten zu erzählen, wie schwierig es ist, einen Platz, mag er noch so klein sein, in der Gesellschaft zu finden. Mit seinen trocken melancholischen und lakonischen Dialogen und den wie abwesend agierenden Figuren schafft er einen ganz eigenen, mit der Realität bissigen Umgang.

Die andere Seite der Hoffnung – Pandora Film

Der Kaurismäkische Kosmos wird stets von der typischen Blau- und Braunfarbigkeit dominiert, die sein Stammkameramann Timo Salminen auf 35 mm gebannt hat. Alleine daran erkennt man einen zeitlosen Film des eigenwilligen Regisseurs. Und an der Musik, die den akustischen Rahmen, ob nun mit Rock ’n‘ Roll oder Tango, bildet. Von daher weiß man nach spätestens zehn Minuten, wer Regie geführt hat, Listen über den Stab braucht man eigentlich nicht. Genauso wenig wie über die Darsteller. Sakari Kuosmane, Janne Hyytiäinen, Nuppu Koivu oder Kati Outinen gehören zum Stamm der eingesetzten Mimen. Längst vertraute Mienen für die Fans.

Die andere Seite der Hoffnung – Pandora Film

Nun also der Sprung von Le Havre zurück nach Finnland, einem Land, das ähnlich wie Resteuropa von Hass, bürokratischer Engstirnigkeit, Gewalt und Gleichgültigkeit heimgesucht wird. Kaurismäki widert das an, wie er bereitwillig bei Interviews äußerte. Zu sagen hat er immer etwas über die soziale Realität, die jeweils den Kern seiner Utopien befeuert.

Das Schicksal zweier Hauptfiguren bilden das Rückgrat seines neusten Werks. Versteckt unter Kohlen kommt der Syrer Khaled (Sherwan Haji) im Hafen von Helsinki an. Er ist auf der Flucht vor den Kriegswirren in Aleppo, hat aber unterwegs seine Schwester aus den Augen verloren. Er will Asyl beantragen, Hauptsache erstmal Frieden. Dann ist da der von der Midlife-Crisis betroffene Wikström (Sakari Kuosmane), der bisher als Vertreter für Oberhemden gearbeitet hat und nun ein Restaurant betreiben will. Seiner alkoholkranken Frau hat er den Ehering auf den Tisch gelegt. Sie reagiert mit einem weiteren Schluck aus der Wodkaflasche. Er sucht eine Pokerrunde auf und gewinnt – das Geld, das er für sein Restaurant braucht. Es heißt „Zum Goldenen Krug“. Khaled verliert. Sein Asyl-Antrag wird abgelehnt mit der Begründung, dass Syrien sicher sei. In den Büros der Polizei stehen im übrigen noch Schreibmaschinen auf den Tischen.

Im Hinterhof des Lokals, bei den Mülltonnen, treffen die beiden Flüchtlinge, Wikström ist natürlich auch einer – mit Hoffnung auf einen Neubeginn, aufeinander. Die Fäuste fliegen, jeder bekommt einen Haken. Dann sitzen sie drin am Tisch und Khaled bekommt einen Teller Suppe. Diese Details machen Kaurismäkis Filme aus. Minimalismus pur eben.

Wikström hat dagegen Pech beim Publikum mit seiner Speisekarte. Fleischklopse und Hering scheinen nicht mehr In zu sein. Also japanisch – Sushi läuft vielleicht besser. Im „Goldenen Krug“ erlebt die Belegschaft, bestehend aus altgedienten Darstellern, den Genuss von Solidarität. Und Khaled erhält auch einen kleinen Job.

Als Beispiele für die Absurditäten der Welt sei auf eine Nachrichtensendung im Fernsehen hingewiesen, mit einem Bericht über die tatsächlichen Brutalitäten in Syrien, sowie auf eine Begebenheit bei einer Kontrolle des Restaurants durch die Gesundheitsbehörde. Khaled wird mitsamt kleinem Hund des Besitzers in der Toilette eingeschlossen. Als er wieder befreit wird, verkündet der Syrer, er habe dem Tierchen inzwischen etwas Arabisch beigebracht. Daraufhin sei der Kleine zum Islam konvertiert, der Buddhismus ist wohl doch nicht das Richtige gewesen.

Heinz-Jürgen Rippert

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Der Hund begraben

Der Hund begraben – Movienet

Hier sind einige Personen auf den Hund gekommen. Das Tier steht freundlich vor der Tür; der Hausherr vor der Tür der Firma, die ihn gerade entlassen hat; seine Frau vor mehr Abwechslung in ihrem Leben und dann gibt es noch einen geheimnisvollen jüngeren Mann, der in Lauerstellung steht. Er will auch in das Haus. Stoff für eine schwarze Komödie von dem jungen Autoren-Filmer Sebastian Stern

Deutschland 2016

Buch + Regie: Sebastian Stern

Darsteller: Justus von Dohnányi, Juliane Köhler, Georg Friedrich, Ricarda Zimmerer, Ben Cervilla Fischer

Länge: 86 Minuten

Verleih: Movienet Film

Kinostart: 23. März 2017

Der Mann in der Midlife-Crisis. Hans (Justus von Dohnányi) ist so einer, um die fünfzig herum, hat gerade seine Stellung in einer Zellstofffabrik verloren wegen der Übernahme durch eine finnische Firma, traut sich nicht zu Hause – in einem typischen Mittelschichts-Häuschen – darüber zu reden und weiß nichts mit sich anzufangen. Seine Frau Yvonne (Juliane Köhler) lebt frustriert vor sich hin und Tochter Laura (Ricarda Zimmerer) hat einen Freund, den sie jetzt immer nach Hause bringt und der ständig Hunger hat. Sie braucht ihren Vater eigentlich nicht mehr, behauptet sie lauthals. Hans kommt mit seinem Problem überhaupt nicht zu Wort. Also lässt er es.

Der Hund begraben – Movienet

Da steht eines Abends ein freundlicher Hund, ein Streuner, vor der Terrassentür und begehrt schwanzwedelnd Einlass. Anlass für die Dame des Hauses entzückt zu sein. Endlich ist da jemand, um den sie sich kümmern kann, so knuddelig der ebenfalls einsame Hund ist. Hans hat zumindest den traurigen Hundeblick mit dem Vierbeiner gemein. Das nützt ihm aber nichts. Er wird durch das Zotteltier ersetzt. Erst ist es ein Finne, der ihn in der Firma ersetzt, dann ein Hund in seinem eigenen Haus.

Der Hund begraben – Movienet

Yvonne freut sich jedenfalls über die neuen Aufgaben, die nun auf sie warten: Futter zubereiten, Spazierengehen, Stöckchen-wegwerf-und-hol-wieder-Spiel, Erfahrungen mit anderen Hundebesitzern austauschen und Schmusen. Mit ins Bett darf der Vierbeiner natürlich auch.

Und was macht der frustrierte Hans? Das, was viele Männer in ähnlich neurotischen Zwangslagen so machen. Er besucht ein Autohaus, ist von der Verkäuferin ganz angetan und lässt sich ein schmuckes, schnelles Cabrio aufschwatzen. Er hat ja noch die Abfindung in der Tasche. Und Rasen macht Spaß.

Nicht immer. Denn plötzlich steht ein Hund auf der Straße. Hans kann nicht mehr rechtzeitig abbremsen. Es ist der Streuner. Oh je, was für ein Schlamassel. Da lernt Hans durch Zufall den merkwürdigen Mike kennen – mal wieder ein typisch absurder Auftritt für Georg Friedrich. Der ominöse Typ erklärt sich bereit, für den überfahrenen Hund seinen Buckel hinzuhalten. Schließlich ist er selbst vom Universum betrogen worden. Und Hans entlastet.

Auf diese Weise kommt Mike in das Haus, verschweigt ebenfalls die Wahrheit und macht sich an Yvonne heran. Die Absurditäten überholen sich mittlerweile. Privatleben wird immer mehr zum Chaos und Hans droht durch Mike ersetzt zu werden. Wie schnell bricht eine bürgerliche Existenz zusammen. Wie schnell wird man ersetzbar. Wie schnell kann der Abstieg kommen. Universelle Fragen. Sebastian Stern lässt in seinem Film das Komische auf das Tragische prallen. Eine schwarze Tragikomödie ist dabei entstanden, die allerdings manchmal noch zu gutartig ist. Auch hätte dem Streifen hier und da etwas mehr Tempo gut getan. Das Tempo auf der Straße ist damit natürlich nicht gemeint.

Heinz-Jürgen Rippert

 

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Der Himmel wird warten

Der Himmel wird warten – Neue Visionen Filmverleih

Dieser neue Film von Marie-Castille Mention-Schaar („Die Schüler der Madame Anne“) erzählt von zwei Mädchen, deren Persönlichkeit sich allmählich verändert und die in den Sog der Radikalisierung gezogen werden.

Die Strategien der IS-Anwerbung und die Hilflosigkeit der Eltern werden so fassbarer und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ein Gesellschaftsdrama, das informiert und berührt

OT: Le Ciel Attendra

Frankreich: 2016

Regie: Marie-Castille Mention-Schaar

Buch: Emilie Frèche, Marie-Castille Mention Schaar

Darsteller: Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, Clotilde Courau, Zinedine Soualem, Dounia Bouzar

Länge: 90 Minuten

Verleih: Neue Visionen Filmverleih

Kinostart: 23. März 2017

Die Terroranschläge vom 13. November 2015 haben gerade Paris erschüttert, da begannen die Dreharbeiten zu diesem Film. Natürlich war das reiner Zufall. Und trotzdem der passende Zeitpunkt. Wie konnte das passieren, was ist in Menschen vorgegangen, die in die brutale Terror-Maschinerie des IS geraten sind? Das betrifft eben auch Mädchen und junge Frauen.

Der Himmel wird warten – Neue Visionen Filmverleih

Marie-Castille Mention-Schaar hat zwei Fälle fiktiv gestaltet, die sie aus realen Fällen und Biographien extrahierte. Zwei Mädchen aus soliden Haushalten, mit toleranten, liberalen Eltern, intelligent und mit vielseitigen Interessen. Wirklich wohlbehütet, ganz bürgerlich.

Der Himmel wird warten – Neue Visionen Filmverleih

Da ist zum einen Mélanie, 16 Jahre alt, die bei ihrer Mutter lebt und leidenschaftlich gerne Cello spielt. Sie lebt alles andere als isoliert, hat viele Freundinnen und Bekannte und engagiert sich mit Sammlungen und diversen Aktionen für eine bessere Welt. Und nun lernt sie per Internet einen jungen Mann kennen, der sie auf andere Optionen lenkt, mit Nachrichten und einschmeichelnden Botschaften überhäuft. Da stößt er naturgemäß auf Sympathie, Interesse und Neugierde. Dann drängt sich immer mehr die Beschäftigung mit dem Islam in die Kommunikation. Eine äußerst geschickte Strategie. Melanie wird übrigens von Naomi Amarger dargestellt, die bereits in „Die Schüler der Madame Anne“ mitspielte, wie auch Noémie Merlant, die als 17-jährige Sonia bereits ihren Koffer gepackt hat. Sie ist bereit, nach Syrien aufzubrechen – und ihr Leben wegzuwerfen.

Die Polizei hat jedoch Wind davon bekommen und stürmt nachts die Wohnung, um Sonia festzunehmen. Nun lebt sie unter Hausarrest bei ihrer Familie, die mit Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln zu kämpfen hat.

Jetzt kommt die Therapeutin und Pädagogin Dounia Bouzar ins Spiel, die versucht, Eltern und deren Kinder in langen Gesprächen zu helfen. Mit Schuldgefühlen aufzuräumen, die Unterschiede zwischen Dschihadismus und dem Koran herausarbeiten, Trotz, Wut und Ohnmacht zu sortieren sowie Schwierigkeiten beim Ordnen des Wirrwarrs abzubauen. Dounia Bouzar spielt sich übrigens selbst. Die Mediatorin ist ein Profi bei der Unterstützung von Familien, die in diese Zwangslage gekommen sind.

So besitzt der Film einen fast halbdokumentarischen Charakter. Fiktionales ist dadurch nicht aufgebauscht worden. Der Sensibilität bleibt genügend Raum. Eine recht ausgewogene filmische Balance, die durchaus berühren kann.

Heinz-Jürgen Rippert

 

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Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand – Concorde Filmverleih

Wo ein großer Erfolg, kommt prompt eine Fortsetzung. Allan Karlsson ist ein Jahr älter geworden und fühlt sich fit für weitere Abenteuer. Da haben sich die Drehbuchautoren Felix Herngren und Hans Ingemansson ebenfalls ins Zeug gelegt und haben eine Fortsetzung des „Hundertjährigen“ geschrieben. Diesmal hat aber keine literarische Fortsetzung von Jonas Jonasson die Vorlage geliefert. Der Autor weiß wahrscheinlich warum. Und der Zuschauer weiß es schließlich auch – nach seinem Kinobesuch

Schweden 2016

Regie: Felix Herngren, Mans Herngren

Buch: Felix Herngren, Hans Ingemansson

Darsteller: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg, Shima Niavarani, Jens Hultén, Ralph Carlsson, Crystal Deraffe

Länge: 108 Minuten

Verleih: Concorde Filmverleih

Kinostart: 16. März 2017

Die Weltläufigkeit der Drehorte – wir wissen das von den Bond-Filmen – kommt immer gut an. Also haben die Drehbuchautoren die Orte der Handlung vom tropischen Bali, über das kalte Moskau bis hin zum quirligen Berlin gespannt. Allan Karlsson (Robert Gustafsson) hat mit seinen Freunden und seiner alten Freundin Miriam (Shima Niavarani) das Leben auf Bali genossen, sieht aber das Geld schwinden – die Pleite droht. Zu seinem 101. Geburtstag kann er noch die letzte Flasche Volkssoda öffnen, dann ist Ebbe mit der Brause, die damals in der Sowjetunion entwickelt wurde um den Amerikanern mit ihrer Coca-Cola die Stirn zu bieten.

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte … – Concorde

Irgendwo muss noch die Rezeptur sein. Also nichts wie los – Allan vermutet den Zettel bei einer alten Freundin. Vorher müssen aber noch die Luxushotelkosten geprellt werden, bevor es im Bademantel zum Flughafen geht. Das dreiste Kapuziner-Äffchen Erlander darf auch nicht fehlen.

Spätestens hier wird einem klar, wie diffus alles wirkt. Im ersten Film wurde die Erfindung der Brause und der Triumpf mit Leonid Breschnew gefeiert, der begeistert war, es den Amerikanern, speziell Richard Nixon endlich einmal zu zeigen. In Moskau scheiterten dagegen die Versuche, mit einer speziellen, folkloristischen Rockmusik den amerikanischen Musik-Markt zu erobern.

Jetzt werden Rückblenden von diesen Ereignissen eingeschoben – vielleicht das einzig Erfrischende an diesem Film. Natürlich sind die Figuren wieder schräg, Gag folgt auf Gag. Mehr aber auch nicht. Nur mit Blödsinn – auf den Erfolg des ersten Teil abzielend – kann man eben keinen Blumentopf gewinnen.

Also: Ein überflüssiger, langweiliger und banaler Quatsch.

Heinz-Jürgen Rippert

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Mit siebzehn

Mit siebzehn – Kool Filmdistribution

André Téchiné bringt nach zweijähriger Pause einen Film in die Kinos, der von zwei Jugendlichen in den Pyrenäen erzählt, die mit der Adoleszenz, dem Erwachsenwerden ihre Schwierigkeiten haben. Ein Kino der körperlichen Präsenz, ein Verwirrspiel mit Gefühlen, gleichzeitig eine präzise Schilderung mit gekonnt gemachten, bedrängenden Bildern und der typisch französischen Leichtigkeit

OT: Quand on a 17 Ans

Frankreich 2016

Regie: André Téchiné

Buch: Céline Sciamma, André Téchiné

Darsteller: Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein, Corentin Fila, Alexis Loret, Jean Fornerod, Mama Prassinos, Jean Corso

Länge: 116 Minuten

Verleih: Kool Filmdistribution

Kinostart: 16. März 2017

Die Berglandschaft der Pyrenäen teilt: Unten im Tal wohnt Damien (Kacey Mottet Klein) mit seiner Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain), einer Ärztin. Oben auf dem Berg lebt Thomas (Corentin Fila) mit seinen Eltern, einfachen Bergbauern, die den aus dem Maghreb stammenden Jungen adoptiert haben. Thomas möchte gerne einmal Tierarzt werden.

Mit siebzehn – Kool Filmdistribution

Beide Jungs sind 17 Jahre und gehen auf ein Gymnasium. Dort gelten sie als Außenseiter, werden links liegen gelassen, was sich besonders beim Sportunterricht bemerkbar macht. Denn bei der Wahl zu den Teams bleiben sie regelmäßig bis zum Schluss sitzen. Sie haben quasi nur sich selbst, können sich aber nicht ausstehen. Tun sich weh, prügeln sich. Und wissen nicht warum. Die uralte Geschichte der Menschheit bekommt durch diese beiden Jugendlichen wieder mal ein Gesicht. Spannungen und Sehnsüchte. Homosexualität gibt es nicht. An sich ist das nichts Neues. Aber physisch stark wie der Regisseur das zeigt, ist es doch etwas Neues.

Mit siebzehn – Kool Filmdistribution

André Téchiné findet dafür noch einen ganz eigenen Rahmen. Das Auf und Ab, die Stimmungen der Landschaft. Die damit verbundene Isolation, aus der auszubrechen, lange und schwierige Wege zu überwinden sind, besonders bei den Schneeverhältnissen des Winters. Thomas arbeitet gerne mit den Tieren auf dem abgelegenen Bauernhof seiner Adoptiv-Eltern. Damien geht regelmäßig zum Boxtraining. Bemühungen, etwas mehr Selbstvertrauen zu gewinnen – trotz der eigenen Isolation.

Aus der Thomas plötzlich herausgerissen wird, als seine Adoptivmutter schwanger wird, zum ersten Mal. Sie hat eine gute Ärztin gefunden – Damiens Mutter. Die Thomas einlädt, die nächste Zeit bei ihnen im Tal zu wohnen. Da hätte er keine umständlichen Wege mehr, kommt ausgeruht zur Schule, denn seine Versetzung ist gefährdet. Und er könne mit Damien zusammen lernen. Seine zupackende Art mag sie außerdem. Eine mögliche Dreiecksbeziehung kommt dem Zuschauer in den Sinn, weil er nahe an den Spannungen unter den Protagonisten ist und Sympathien nicht eindeutig zuordnen kann. Tatsächlich träumt die Ärztin einmal von Thomas. Ihr Mann ist, wie so oft, als Militärpilot im Auslandseinsatz.

Thomas‘ Adoptiv-Mutter bringt schließlich ihr erstes eigenes Kind zur Welt. Da spuckt der Junge das aus, was ihn wohl jahrelang gequält hat: Endlich hätten sie ein eigenes, ein echtes Kind. Sein Adoptiv-Vater widerspricht: Es gäbe weder echte noch unechte Kinder.

Heinz-Jürgen Rippert

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