Der blinde Fleck


Der blinde Fleck - Ascot Elite

Der blinde Fleck – Ascot Elite

Der Zeitpunkt könnte nicht passender gewählt sein. Vor dem Hintergrund des NSU-Prozesses kommt ein Film in die Kinos, der ein noch schlimmeres Verbrechen aus rechtsextremistischen Motiven und die Rolle der Staatsorgane beleuchtet. Es ist das Jahr 1980. Eine Sprengladung explodiert auf dem Münchner Oktoberfest, vermutlich von einem verwirrten Einzeltäter gezündet – so die offizielle Verlautbarung. „Der blinde Fleck“ läßt einem jungen, engagiertem Journalisten keine Ruhe. Franz Josef Strauß ist zu der Zeit bayerischer Ministerpräsident und die Wahrheit, wo ist die? Der Film versucht Antworten zu finden.

Deutschland 2013

Regie: Daniel Harrich

Buch: Daniel Harrich, Ulrich Chaussy

Darsteller: Benno Fürmann, Heiner Lauterbach, Nicolette Krebitz, August Zirner, Jörg Hartmann, Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl

Länge: 92 Minuten

Verleih: Ascot Elite Filmverleih

arte-Programm: 10. Oktober 2014 – 20.15 Uhr

ab 15. Mai 2014 auf DVD + Blue-ray

Kinostart: 23. Januar 2014

Am 26. September 1980, 22.19 Uhr, werden die Besucher des Münchner Oktoberfestes jäh aus ihrem Vergnügen gerissen. Eine explodierende Bombe tötet 13 Menschen und verletzt 211. Für die Behörden ist schnell klar, der Attentäter kann nur aus eigenem Antrieb gehandelt haben. Es ist, wird konstatiert, der 21-jährige Geologie-Student Gundolf Köhler aus Donaueschingen. Fragen wird man ihn nicht mehr können – er befindet sich nämlich unter den Toten des Anschlags.

Regisseur und Co-Autor Daniel Harrich setzt auf ein dokumentarisches Konzept für seinen Politthriller. Er hält sich dabei an bekannte Fakten und besetzt die Hauptrolle des investigativen Rundfunk-Journalisten Ulrich Chaussy mit Benno Fürmann. Alle anderen Darsteller gehören zur populären Fernsehprominenz. Und die Münchner „Tatort“-Kommissarsmimen Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl zum Beispiel, sind hier mal gegen ihr Image gestrickt.

Neben der Geschichte über die Suche nach den Hintergründen ist es gleichzeitig die Geschichte des couragierten, seinen Beruf ernst nehmenden Hörfunk-Journalisten Ulrich Chaussy, der beim Bayerischen Rundfunk arbeitet. Harrich bringt dazu kein umfassendes Psychogramm, vielmehr deutet er auf die Befindlichkeit des Einzelgängers hin und auf die Angst, die man als Nonkonformist in einem undurchsichtigen Geflecht bekommen kann, wenn man unbequem wird.

Den Knall des verheerenden Anschlags hören Chaussy und seine Frau Lise (Nicolette Krebitz) zu Hause. Grund für ihn, gleich zum Tatort zu fahren. Dort sind die Folgen des schlimmsten Attentats in der deutschen Nachkriegsgeschichte eindringlich zu sehen: Ein blutiges Schlachtfeld. Der BR-Journalist entscheidet, dran zu bleiben und begibt sich in das Labyrinth der Recherche, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Ein Albtraum ohne Ende. Für die Staatsmacht offenbar nicht. Denn schon nach kurzer Zeit verlautet offiziell, der Tat dringend verdächtig sei der 21jährige Geologie-Student Gundolf Köhler aus Donaueschingen. Der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann (Miroslav Nemec) verkündet auf der ersten Pressekonferenz, bekannt sei die Mitgliedschaft Köhlers bei der obskuren Neonazi-Miliz „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die 1980 endlich verboten wird.

Für Ministerpräsident Strauß ist die Bedrohung von rechts nicht gerade wahlkampftauglich. Er ist in diesem Jahr schließlich Kanzlerkandidat der CDU/CSU. Wenn, dann können Anschläge eigentlich nur von Linksextremisten geplant und durchgeführt worden sein. Oder von einem verwirrten Einzeltäter. Für diese Version tritt vor allem der Chef der Staatsschutzabteilung im bayerischen Innenministerium, Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) ein. Die Bundesanwaltschaft schließt sich nun dieser These an: Gundolf Köhler muß aus persönlichen Gründen, sexueller Frustation und Perspektivlosigkeit gehandelt haben. Politische Motive seien nicht zu erkennen.

Widersprüche, Irritationen ohne Ende. Ulrich Chaussy lernt einen Opfer-Anwalt kennen, der ihn in seiner Einschätzung bestärkt. Irgendetwas ist faul an der offiziellen Darstellung. Warum werden Spuren in die Neonazi-Szene nicht weiterverfolgt? Er befragt Zeugen, die ihm erzählen, daß Köhler am Abend des Attentats nicht alleine unterwegs war. Merkwürdig auch, daß ein Boulevardjournalist schon in Köhlers Umfeld recherchiert hat, bevor dieser als Einzeltäter hingestellt wird. In einem ersten Hörfunk-Feature verarbeitet Chaussy seine bisherigen Recherchen und bekommt einen Anruf. Kein Drohanruf, wie so oft. Geheimnisvoll tut der Anrufer, bittet um ein Treffen und möchte mit ‚Meier‘ angesprochen werden. Es scheint sich um einen Insider zu handeln. Jedenfalls kommt Chaussy durch Herrn ‚Meier‘ (August Zirner) in den Besitz geheimer Verhörprotokolle, welche die Alleintäterthese offensichtlich widerlegen. Er versucht – bis heute – mögliche Vertuschungen offenzulegen. Das alles kommt uns doch irgendwie bekannt vor, wenn wir den NSU-Prozess vor Augen haben. Maßgebliche Kreise scheinen immer noch auf dem rechten Auge blind zu sein. Das ist schließlich die Botschaft des Films: Genau hinhören, hinterfragen, hinsehen, dahinter sehen.

Daniel Harrich hat eine solide Inszenierung mit guten, glaubwürdigen schauspielerischen Leistungen vorgelegt. Akurat ist das und das verdient Respekt. Überdurchschnittlich ragen Benno Fürmann, Heiner Lauterbach und August Zirner heraus. Es gibt Parallelen. Mit dem Glanz und der Coolness eines Robert Redford und Dustin Hoffman als „Die Unbestechlichen“ alias Reporter Woodward + Bernstein oder eines Yves Montand in Constantin Costa Gavras‘ „Z“ kommt das Harrich-Projekt nicht ganz mit – muß es auch nicht. Eine kleine Perle ist trotzdem edel.

Heinz-Jürgen Rippert

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Über heinzjuer13

Film- und Musikfan, Naturfreund
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